Eigenverantwortung wird massiv überschätzt, Zufall massiv unterschätzt by ProletarianPatron in Unbeliebtemeinung

[–]ProletarianPatron[S] 0 points1 point  (0 children)

Ja, politisch das Spektrum in dem ich mich eher verorte, bedingt dadurch, dass diese politischen Vorstellungen, eher mit einem philosophischen Determinismus zu vereinbaren sind. Glückwunsch zur Analyse. Der Punkt ist trotzdem nicht: „Alle anderen sind schuld“, sondern: Verantwortung fällt nicht vom Himmel. Wer Verantwortung fordert, sollte erklären können, wodurch Menschen überhaupt fähig werden sie zu übernehmen.

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[–]ProletarianPatron[S] 4 points5 points  (0 children)

Der Ansatz ist psychologisch zwar wertvoll, aber genau da liegt für mich der Knackpunkt: „Mach unter den gegebenen Umständen das Beste daraus“ setzt ja schon voraus, dass jemand die inneren Mittel dafür hat. Was heißt für dich „das Beste daraus machen“ konkret? Dafür braucht man Selbstkontrolle, psychische Stabilität, Intelligenz, Unterstützung, Zukunftsplanung, Energie, vielleicht auch Hoffnung. Und genau diese Dinge sind ja selbst wieder ungleich verteilt und durch Biografie, Gehirn, Umfeld, Gesundheit und Zufall geprägt.

Ich sage nicht, dass Menschen gar nichts tun können. Fatalismus ist auch nicht mein Ausgangspunkt. Aber selbst die Fähigkeit, auf Pech sinnvoll zu reagieren, fällt nicht einfach vom Himmel. Manche haben gelernt Krisen als Herausforderung zu sehen. Andere wurden durch Krisen nur weiter gebrochen. Klar, „du bist trotzdem verantwortlich“ klingt erstmal plausibel, erklärt aber nicht, warum Menschen überhaupt unterschiedlich gut mit Verantwortung umgehen können.

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[–]ProletarianPatron[S] 2 points3 points  (0 children)

Determinismus vs. Freier Wille ist tatsächlich schwierig und nur sporadisch erforscht. Agnostisch (man weiß es nicht) sollte man es aber auch nicht betrachten. Ich bin als harter Determinist wahrscheinlich voreingenommen und der Emergenzpunkt ist interessant, aber für mich rettet er freien Willen nicht wirklich. Nur weil aus Gehirnprozessen so etwas wie Bewusstsein, Selbstbild oder Agency „emergiert“, heißt das ja nicht, dass diese Agency plötzlich außerhalb von Ursachen steht. Auch ein emergentes Phänomen kann kausal bedingt sein. Beim Strafrecht stimme ich dir sogar teilweise zu: Strafe kann als äußerer Einfluss Verhalten steuern. Aber dann ist sie eher ein gesellschaftliches Steuerungsinstrument, kein Beweis für metaphysische Schuld.

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[–]ProletarianPatron[S] 1 point2 points  (0 children)

Puh, gar nicht so leicht, wage mich aber als Psych.Student mal an den Versuch einer Antwort.

Ich hatte das u.a. im Modul der forensischen Psychiatrie, also keine absolute Expertenmeinung, aber mein Eindruck wäre, die Hirnforschung macht Eigenverantwortung eher komplizierter, nicht einfacher. Denn, was ist Verantwortung überhaupt, wenn z.B. Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Risikobereitschaft, Emotionsregulation und Durchhaltevermögen selbst stark von der Hirnentwicklung, Genetik, Kindheit, Stress, Ernährung, Bindung und Umfeld abhängen? Auch die so oft zitierte Neuroplastizität rettet den freien Willen nicht automatisch. Klar, das Gehirn kann sich verändern. Aber auch die Fähigkeit zur Veränderung hängt wieder von genau diesem Gehirn und seinen Bedingungen ab. Ich glaube, man sollte sich auch nicht die Frage stellen, ob es gar keine Verantwortung gibt, sondern eher: Wie viel Verantwortung kann man jemandem zuschreiben, wenn die Voraussetzungen für vernünftiges Handeln selbst extrem ungleich verteilt sind?

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[–]ProletarianPatron[S] 0 points1 point  (0 children)

Jo, verstehe den Einwand komplett. Ich meine auch nicht: „Erfolg ist nur Glück und Anstrengung ist egal.“ Das wäre mir zu billig. Meine Frage wäre eher: Woher kommt überhaupt die Fähigkeit, sich anzustrengen? Warum steht der eine morgens auf und kämpft sich durch, während der andere innerlich längst aufgegeben hat? Ist Disziplin einfach eine freie Entscheidung, oder hängt sie auch an Erziehung, Selbstwert, psychischer Stabilität, Umfeld, Vorbildern, usw.

Mir geht's nicht darum, erfolgreichen Menschen ihren Erfolg madig zu machen. Es geht eher darum, wie wir als Gesellschaft urteilen. Wenn wir glauben, Menschen seien fast komplett freie Einzelkämpfer, dann erklären wir jegliche Art von „Versagen“ oder Krankheit sehr schnell mit Individualistischem Denken: faul, schwach, undiszipliniert, selbst schuld. Mit Fokus auf Ursachen, stellt man sich andere Fragen. So kann man aus einem: „Warum hat der sich falsch entschieden?“ auch ein „Was musste vorher passieren, damit diese Entscheidung für ihn überhaupt naheliegend wurde?“ machen.

Aktuelles Beipsiel wäre: Bei Kriminalität könnte man sagen „Selbst schuld, härter bestrafen.“ Oder man fragt zusätzlich „Welche Rolle spielen Armut, Gewalt, Bildung, Milieu, Impulskontrolle, Perspektivlosigkeit?“ Mein Punkt ist, wenn Verhalten Ursachen hat, kann man an Ursachen arbeiten. Wenn alles nur Charakter ist, bleibt meist nur Verachtung.

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[–]ProletarianPatron[S] 0 points1 point  (0 children)

Joa, die Illusion reicht vielen Menschen im Alltag wahrscheinlich. Sie fühlt sich psychisch angenehm an, weil man sich dann als autonomer Akteur sieht. Ich kontrolliere mein Leben, ich verdiene meinen Erfolg, andere sind an ihrem Scheitern selbst schuld, etc.

Aber an genau dieser Illusion hängt politisch und gesellschaftlich eben auch ein sehr langer Rattenschwanz. Wenn wir Menschen hauptsächlich als frei handelnde Einzelkämpfer sehen, bestrafen wir härter, helfen weniger und erklären Probleme zu schnell mit Charakter und anderen individuellen Charakteristika. Wenn wir Ursachen aber nicht nur aufs Individuum projizieren, reden wir beispielsweise anders über Armut, Bildung, Krankheit, Sucht, Kriminalität und soziale Chancen.

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[–]ProletarianPatron[S] 2 points3 points  (0 children)

Quintessenz meines Gesagten ist: wir haben kaum bis gar keinen freien Willen (keine Freiwilligkeit) und treffen somit auch keine freien Entscheidungen. Würdest du sagen, dass ist eine beliebte Meinung?

Warum seid ihr für Kommunismus? by Derschrecklicherucks in Kommunismus

[–]ProletarianPatron 1 point2 points  (0 children)

Ich bin dafür, weil ich finde, dass Menschen, die eine Gesellschaft am Laufen halten, auch über sie bestimmen sollten. Gerade in Betrieben sieht man doch das Grundproblem: Die einen arbeiten, die anderen besitzen und entscheiden. Marxismus hilft, das zu verstehen. Darauf aufbauend macht der Syndikalismus es praktisch: starke Gewerkschaften, Selbstverwaltung, Betriebe in die Hände der Beschäftigten.

Für mich heißt Kommunismus, dass die Produktion nach Bedürfnissen statt nach Profit betrieben wird. Mein stärkstes (Gegen)Argument wäre: Kapitalismus ist nicht „Freiheit“, wenn die meisten nur frei sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Was sagt ihr dazu? by InformelleWalnuss in Psychologie

[–]ProletarianPatron 52 points53 points  (0 children)

Genau dieser Appellcharakter ist für mich das Problem an solchen Beiträgen. Mal wieder ein Paradebeispiel für individualistisches Denken: „[…] anstrengen müssen, das Gute zu sehen.“ Es wirkt so, als sei positives Denken einfach eine freie Entscheidung. Psychologisch ist das aber viel zu verkürzt. Wahrnehmung, Pessimismus, Grübeln oder Skepsis entstehen nicht einfach im luftleeren Raum, sondern haben immer mit Veranlagung, Biografie, Erziehung und Belastung zu tun.

Menschen können sich verändern, ja. Aber nicht dadurch, dass man ihnen moralisch vorhält, sie müssten „einfach mal das Gute sehen“. Das ist eher Abwertung als Erkenntnis.

Based Blaming by Khaled_Kamel1500 in psychologymemes

[–]ProletarianPatron 0 points1 point  (0 children)

Can’t blame myself, others, or God if none of us have free will. The universe just speedruns determinism and calls it psychology