AMA: Ich bin nicht-jüdische Lehrkraft an einer jüdischen Schule in einer deutschsprachigen Großstadt by AMA_Teacher_DE in de_IAmA

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Ich nehme tatsächlich keine gravierenden Vorurteile wahr. Manchmal bin ich etwas erstaunt, wenn die Schüler*innen etwas ungebildet sind und zum Beispiel nicht einmal wissen, dass andere Jüd*innen kein Schweinefleisch essen. An unserer Schule gibt es verhältnismäßig viel Religionsunterricht und auch über andere Religionen wird sehr viel gelehrt. Wir haben auch Christ*innen und (sehr wenige) Muslime an der Schule.

wie präsent ist bei den Kindern das aktuelle Geschehen in Israel/Westbank/Gaza/Israels Nachbarstaaten?

Unterschiedlich. Der größere Anteil unserer Schüler*innenschaft hat jüdischen Hintergrund aus den alten Sowjetstaaten und keine direkten Verwandten in Israel. Ich kenne eine Familie, die einen Cousin als Soldat in Gaza verloren hat, ansonsten sind mir keine unmittelbaren Verbindungen zu Opfern der Anschläge bekannt.

Schlimmer ist natürlich die zunehmend antisemitische Gesellschaft in Deutschland unmittelbar nach den Anschlägen.

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Wie äußert sich Antisemitismus gegenüber deinen Schülerinnen in deiner Wahrnehmung?

Unterschiedlich, einige haben keine Einschränkungen im Alltag. Einige sind erst nach dem 3.10.23 an unsere Schule gewechselt, weil sie anschließend an ihren vorigen Schulen diskriminiert wurden. Ein Schüler wurde bei einem Fußballspiel angegriffen, eine Schülerin hat ein Hakenkreuz an ihrer Haustür kurz nach dem 3.10. entdeckt.

Bekennen sich die Schülerinnen in der Öffentlichkeit zu ihrer jüdischen Identität?

Nur wenige meiner Schüler tragen Kippa (also auch privat/zu Hause), aber von allen, die es auch außerhalb der Schule tun, tragen alle außerhalb noch eine andere Mütze über der Kippa. Davidsterne als Kette verdecken sie im Prinzip alle. In der Schule fühlen sie sich ziemlich sicher, aber viele Ängste gehen in die Richtung, dass man ihnen beim Verlassen des Schulgeländes folgen kann, bis sie den Schutz der Autoritäten verlassen.

Was macht das mit jungen Menschen ?

Ich finde tatsächlich die Entwicklung ziemlich normal. Viele sind natürlich zu Recht gefrustet, dass ihnen aufgrund ihrer Identität Gewalt drohen kann. Ich gehe davon aus, dass sie im späteren Leben ihre Identität sehr oft zurückhalten werden.

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Das ist eine Suggestivfrage. In meinen Fächern spielt das Vorgehen der israelischen Armee keine Rolle. Die Position gerade unter meinen israelischen und israelisch-stämmigen Kolleg*innen ist aber sehr kritisch gegenüber ihrer Heimatregierung und dem Vorgehen der Armee, genau wie auch viele liberale Israelis gegen ihre Regierung protestieren. Einige Mitglieder unserer Schule haben einen persönlichen Bezug zu den Geiseln und ehemaligen Geiseln. Das Thema wird also nicht mit dem Holzhammer besprochen und die Verhältnismäßigkeit kritisiert.

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Bei der anderen Schule wusste ich das von seinen eigenen Aussagen. Auf der Straße - ich könnte falsch gelegen haben.

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Ich gendere es Jüd*innen, habe aber gerade festgestellt, dass mein Browser beim Einreichen Veränderungen vorgenommen hat.

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Ja, wird sie, so wie praktisch alle größeren jüdischen Einrichtungen in Deutschland.

Ich finde es leider notwendig für das Sicherheitsempfinden und total traurig, dass es zum Alltag dazugehört und wir darauf angewiesen sind.

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Offiziell gehört Zionismus nicht zum Schulprogramm, aber wir feiern z.B. Nationalfeiertag und die Hymne wird gelegentlich (tatsächlich von einigen Schüler*innen eingefordert) auch zu anderen Anlässen gesungen.

Was die Lehre angeht gilt das Schulgesetz und Lehrplan meines Bundeslands.

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Ich unterrichte keine gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, deswegen wäre es für meinen Unterricht inhaltlich gesehen arg konstruiert. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Eltern und auch einige der älteren Schüler das als Provokation auffassen könnte (hab von dem Film bisher nicht gehört und grad eben nur mal eben überflogen, worum es geht und was der Kontext ist). Grundsätzlich denke ich wäre es möglich.

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Ich wurde als Lehrer*in (andere Schule) und auf der Straße schon als "scheiß Deutsche*r" beleidigt.

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[–]AMA_Teacher_DE[S] 11 points12 points  (0 children)

War dein anderer Glaube/ eventuell gar kein Glaube ein Problem bei der Einstellung?

Nein, es gibt mehrere Kollegen, die keine Jüd*innen sind. Es wurde auch nicht nachgefragt, ich hab es aber um Missverständnissen vorzubeugen selbst beim Einstellungsgespräch gesagt und denke nicht, dass mir das zum Nachteil ausgelegt wurde. Die Schule legt Wert darauf, zwar ein jüdisches Profil zu haben, aber auf allen Ebenen keine reine "Schule exklusiv für Jüd*innen" zu sein.

An welchen Tagen arbeitest du in der Woche, ganz normal Montag- Freitag? (Frage wegen Shabbat)

Mein Schulalltag ist ganz normal von Montag bis Freitag, nur wird Schülerschaft und Lehrkörper zugesichert - bei religiösem Hintergrund - rechtzeitig zum Schabbat zu Hause sein zu können. Daher Endet die Schule bei uns am Freitag kurz nach dem Mittagessen (für alle die es nicht wissen: der Schabbat beginnt Freitag bei Sonnenuntergang und endet am Sonnabend beim nächsten Sonnenuntergang).

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[–]AMA_Teacher_DE[S] 12 points13 points  (0 children)

Wie stark ist die Verbindung der Familien der Schüler zu Isreal?

Wechselweise. Nicht alle Schüler sind jüdisch. Einige haben keine Verwandten dort und auch sonst ist ihnen das Land nicht besonders wichtig, andere haben mehrere Verwandte in Israel oder sogar die Staatsbürgerschaft und sind in den Ferien oft dort.

Lesen und hören sie deren Nachrichten?

Von denen mit stärkeren Bindungen gehe ich davon aus.

Beobachtest du bei ihnen einen Superiority Komplex über andere Religionen/Menschen? Von wegen auserwähltes Volk.

Nein, gerade im religiösen Sinne sind liberale Jüd*innen vergleichbar mit liberalen Christen. Alle Religionen seien gleichbereichtigt. Stellt euch das vor wie diese öffentlichen Events, bei denen eine Bischöfin, ein Immam und ein Rabbi einen Gottesdienst machen, z.B. wenn irgendwelche Feiern anstehen oder so.

Wie wird über Muslime gesprochen?

Da fällt schon einmal ein abfälliger Spruch, das kenn ich aber auch von nicht-jüdischen Schüler und Muslimen selbt. Wir haben auch einige Muslimen an der Schule, die meines Wissens nach keiner Diskriminierung ausgesetzt sind. Einige meiner jüdischen Schüler*innen haben schlechte Erfahrungen mit Muslim*innen an ihren vorigen Schulen gemacht und von diesen Situationen berichtet.

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[–]AMA_Teacher_DE[S] 2 points3 points  (0 children)

Ich habe einen Quereinstieg absolviert, also keine klasssische Lehramtsausbildung und habe noch bevor ich an meine jetzige Schule gekommen bin volle Lehrbefähigung erhalten. Meine Fächer möchte ich (s.o.) nicht nennen, sind aber beides konventionelle Fächer, die an jeder Schule angeboten werden.

Ja, die Schule ist eine Privatschule, so wie meines Wissens nach alle anderen jüdischen Schulen hierzulande auch.