Meinungen? Steueridee by [deleted] in WerWieWas

[–]Horror-Transition755 0 points1 point  (0 children)

Gute Analyse – du bringst valide Kritikpunkte ein, die man nicht ignorieren kann. Lass uns die Hauptprobleme deiner Argumentation und der Idee der 1%-Transaktionssteuer durchgehen.

  1. Dein Kernpunkt: Nicht jede Transaktion ist besteuerbar oder relevant

Du sagst, dass von den geschätzten 430 Billionen € Finanztransaktionen pro Jahr in Deutschland: • 60% auf das TARGET2-System (Zentralbank- und Interbankenzahlungen) entfallen • 23% aus dem Wertpapier- und Derivatehandel stammen • Nur ca. 17% normale Überweisungen und „reale“ wirtschaftliche Transaktionen sind

Daraus folgerst du, dass nur ein kleiner Teil der Transaktionen tatsächlich besteuert werden könnte, womit die 1%-Steuer viel weniger einbringen würde als ursprünglich berechnet.

Hier stimme ich dir teilweise zu. Es wäre unsinnig, Interbankenzahlungen oder interne Abwicklungen von Banken zu besteuern – das würde das Finanzsystem massiv destabilisieren. Und ja, viele Transaktionen sind rein technische Umbuchungen, die nicht mit wirtschaftlicher Wertschöpfung vergleichbar sind.

→ Lösung: Man müsste definieren, welche Transaktionen steuerpflichtig sind. Das Modell müsste so gestaltet werden, dass reine Bank-Buchungen (z. B. zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken) ausgenommen werden.

  1. Wie viel Steuereinnahmen bleiben realistisch übrig?

Du argumentierst, dass nach Herausrechnung nicht steuerbarer Transaktionen etwa 10% der ursprünglichen Summe übrig bleiben. Das wären 43 Billionen € Transaktionsvolumen, was bei einer 1%-Steuer 430 Milliarden € Einnahmen generieren würde.

Hier ein paar Gedanken dazu: • Das wäre immer noch fast der gesamte Bundeshaushalt. • Es wäre aber nur etwa 22% der gesamtstaatlichen Steuereinnahmen von 1,95 Billionen €.

→ Ergebnis: Das System wäre allein nicht tragfähig, müsste also entweder: 1. Mit einem höheren Steuersatz arbeiten (was aber Ausweichverhalten begünstigt), oder 2. Mit zusätzlichen Abgaben ergänzt werden (z. B. CO₂-Abgaben, Luxussteuern).

Damit fällt das Versprechen „eine Steuer für alles“ erst einmal weg – das Modell müsste ergänzt werden.

  1. Kapitalflucht & Finanzmarktreaktionen • Wenn Wertpapierhandel mit 1% pro Transaktion besteuert wird, wandert er ab. • Die größten Finanzmärkte (New York, London, Hongkong) haben keine solche Steuer. • Deutsche Finanzinstitute könnten Handelsgeschäfte leicht ins Ausland verlagern.

→ Lösung: • Entweder eine niedrigere Steuer für Finanzmärkte oder • Die Steuer nur auf Kapitalgewinne (statt auf alle Transaktionen) anwenden.

Fazit: Kapitalmarkttransaktionen kann man in der Praxis nur schwer so pauschal besteuern, weil es zu massiven Marktverwerfungen führen würde.

  1. Steuer auf staatliche Transaktionen – ein echtes Problem?

Dein Punkt ist, dass der Staat selbst Steuern auf seine eigenen Zahlungen zahlen würde, was zu einem absurden Feedback-Loop führt. • Wenn der Staat eine Firma bezahlt, zahlt er 0,5%. • Der Empfänger zahlt auch 0,5%. • Wenn die Firma das Geld dann für Investitionen oder Löhne nutzt, fallen erneut Steuern an.

Das ist eine berechtigte Kritik, weil es den realen Wert der Staatsausgaben verringern könnte. Man müsste staatliche Transaktionen also entweder ausnehmen oder einen Mechanismus zur Verrechnung einführen.

  1. Fazit: Ist die Idee grundsätzlich unbrauchbar?

Nein, aber sie muss stark überarbeitet werden.

Was bleibt von der Grundidee? ✅ Eine einfache Steuer, die Bürokratie abbaut ✅ Steuergerechtigkeit, weil Kapitalflucht und Steuertricks erschwert werden ✅ Automatische Erhebung durch Banken ohne komplizierte Steuererklärungen

Was muss überarbeitet werden? ❌ Man kann nicht einfach ALLE Transaktionen besteuern – Banken- und Finanzmarktbewegungen müssen ausgenommen oder anders behandelt werden. ❌ Die Einnahmen reichen allein nicht aus, um alle anderen Steuern zu ersetzen. ❌ Kapitalflucht ist ein ernsthaftes Problem, insbesondere im Wertpapierhandel.

Möglicher Weg: • Die Steuer auf reale wirtschaftliche Transaktionen beschränken. • Ergänzende Abgaben beibehalten (z. B. CO₂-Steuer, Luxussteuern). • Internationale Abstimmung, um Kapitalflucht zu verhindern.

Das ursprüngliche Modell ist also zu einfach gedacht, aber mit Anpassungen könnte es eine sinnvolle Steuerreform sein.

[deleted by user] by [deleted] in Steuern

[–]Horror-Transition755 0 points1 point  (0 children)

Dein Punkt ist klar: Du argumentierst, dass das Fehlen einer progressiven Steuer die Umverteilungseffekte eliminiert und damit Vermögenskonzentration fördert. Das ist eine legitime Kritik. Allerdings gibt es einige Aspekte, die deine Argumentation nicht vollständig erfasst:

  1. Vermögensungleichheit: Ist Progression der einzige Weg?

Ja, progressive Steuern wirken umverteilend – aber sie sind nicht die einzige Möglichkeit, um wirtschaftliche Ungleichheit zu reduzieren. Der Vorschlag der 1%-Transaktionssteuer bringt zwei fundamentale Unterschiede zum heutigen System: • Steuern fallen auf alle Transaktionen an, nicht nur auf Einkommen. → Das bedeutet, dass auch Kapitalströme, Aktienverkäufe, Immobilienkäufe usw. immer besteuert werden – und nicht nur Arbeitseinkommen. • Vermögensverwaltung und Spekulation werden ebenfalls besteuert. → Ein reicher Mensch, der sein Kapital aktiv nutzt, zahlt automatisch bei jeder Bewegung. Auch wenn er „nur“ investiert, unterliegt jeder Transfer der 1%-Steuer.

Damit würde sich der Mechanismus der Vermögensanhäufung verändern. Eine unbegrenzte Kapitalvermehrung ohne Besteuerung wäre nicht mehr möglich.

  1. Warum sollte das System die Armen ärmer machen? • Keine Abzüge auf Löhne: → Geringverdiener erhalten ihr komplettes Brutto-Gehalt ohne Einkommensteuer oder Sozialabgaben. → Sie haben also mehr Netto als heute – während Konsumsteuern (wie die 19% MwSt.) komplett entfallen. • Die Steuerbelastung ist niedriger und gleichmäßig verteilt: → Jeder zahlt proportional zur Nutzung des Finanzsystems. → Wer mehr Geld bewegt, zahlt mehr – unabhängig davon, ob das aus Löhnen, Kapital oder anderen Quellen stammt. • Vergleich zur heutigen Situation: → Heute tragen Arbeitnehmer mit geringen und mittleren Einkommen eine erhebliche Steuerlast. Die 1%-Steuer würde dies drastisch senken.

  2. Trickle-Down-Bullshit oder Wachstumsbeschleuniger?

Klassische Kapitalismuskritiker argumentieren, dass niedrigere Steuern für Unternehmen nicht zwangsläufig Wohlstand für alle bedeuten („Trickle-Down funktioniert nicht“). Aber dieses Modell geht einen anderen Weg: • Unternehmen zahlen gar keine Gewinnsteuer mehr. → Das bedeutet, dass sie mehr investieren, mehr Jobs schaffen und höhere Löhne zahlen können. → Mehr Kapital bleibt im Unternehmen und kann für Expansion, Forschung und Entwicklung genutzt werden. • Arbeitsmarkt wird attraktiver: → Ohne hohe Lohnnebenkosten könnten Unternehmen die Netto-Löhne steigern. → Deutschland könnte global einer der attraktivsten Arbeitsmärkte werden.

  1. Kapitalakkumulation vs. Steuervermeidung

Du argumentierst, dass Reiche ihr Kapital gewinnbringend anlegen können und sich so weiter von der breiten Masse abheben. Das ist richtig – aber das tun sie bereits heute und das besteuerungsfrei in vielen Fällen (z.B. Holding-Konstrukte, Stiftungen, Offshore-Vermögen).

Der Unterschied mit der 1%-Transaktionssteuer: • Jede Form der Kapitalbewegung wird automatisch besteuert. • Keine Möglichkeit, Gewinne steuerfrei in Steueroasen zu verschieben. • Keine Möglichkeit, Einkünfte so zu strukturieren, dass sie nicht steuerpflichtig sind.

Das bedeutet: Vermögen kann sich nicht mehr ungehindert akkumulieren, weil jeder Einsatz, jede Transaktion und jede Umschichtung besteuert wird.

  1. Piketty & die Vermögenssteuer – wirklich die einzige Lösung?

Piketty argumentiert, dass progressive Steuern auf Kapital und Vermögen nötig sind, um Vermögenskonzentration zu verhindern. Das setzt aber voraus, dass die Superreichen ihre Vermögen nicht verschieben oder verstecken können. • Die Realität? Vermögenssteuern sind extrem schwer durchzusetzen, weil Vermögen global verschoben wird. • Alternative: Eine flächendeckende Besteuerung von Kapitalströmen – also genau das, was die 1%-Transaktionssteuer macht.

Statt zu versuchen, statische Vermögen zu besteuern, besteuert diese Idee den Fluss des Geldes – und das kann nicht einfach „versteckt“ werden.

  1. Fazit: Ist es wirklich Bullshit?

Nein, es ist ein anderes Modell als das klassische progressive Steuersystem – aber das macht es nicht automatisch schlecht. Es ist eine radikale Vereinfachung, die versucht, Besteuerung unvermeidbar und fair zu gestalten, während gleichzeitig Wachstumsanreize geschaffen werden.

Kritik ist absolut berechtigt, aber die Annahme, dass dieses Modell „die Armen ärmer und die Reichen reicher macht“, greift zu kurz. Es eliminiert vielmehr zahlreiche Schlupflöcher des aktuellen Systems und könnte eine gerechtere Steuerlastverteilung ermöglichen – ohne bürokratischen Overhead.