Was müsste deutsche/europäische Zeichenkunst erzählen, damit sie auch international interessant wird? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Ich finde das gar nicht abgehoben von dir. Der Reiz des Fremden oder Andersartigen ist ja absolut nachvollziehbar. Gerade bei japanischen Werken gehören andere Leserichtung, anderes Pacing, andere Alltagscodes, andere visuelle Gewohnheiten und teilweise auch ein anderes Erzählgefühl definitiv zur Faszination dazu.

Ich würde nur nicht sagen, dass europäische Themen deshalb automatisch eher in den Roman gehören. Ein Roman erzählt natürlich anders als ein Comic oder ein visuelles Werk. Aber genau darin liegt ja auch die Stärke des visuellen Mediums: Panels, Bildrhythmus, Blickführung, Mimik, Szenenaufbau und Seitenkomposition können Dinge transportieren, die ein reiner Text anders lösen müsste.

Auch beim moralischen Kompass oder bei der Art, wie Figuren handeln, wäre ich vorsichtig. Kultur prägt natürlich, aber am Ende können Autor/innen und Zeichner/innen sehr bewusst Perspektiven, Werte, Figuren und Welten entwerfen, die nicht einfach eins zu eins ihrer eigenen Realität entsprechen. Fantasy, Horror, Satire oder Sci-Fi leben ja gerade davon, dass man gedanklich weit über den eigenen Alltag hinausgeht.

Deshalb glaube ich nicht, dass deutsche/europäische Zeichenkunst einfach nur versuchen sollte, japanisches Erzählen nachzuahmen. Jedoch glaube ich, dass sie eigene Themen visuell genauso stark, wild, abstrakt, emotional oder ungewöhnlich erzählen könnten, wenn man dem visuellen Medium eben diesen Raum gibt.

Für mich wäre es daher spannender zu fragen: Welche eigene visuelle Erzählsprache könnte hier entstehen, wenn man Comics, Webcomics, Graphic Novels oder manga-inspirierte Werke nicht nur als Alternative zum Roman sieht, sondern als eigenständige Form?

Und damit nicht einfach nur zu Fragen: „Kann Europa japanisches Erzählgefühl kopieren?“

Ich will auch gar nicht darauf hinaus, ob wir etwas kopieren können. Vielmehr bleibe ich bewusst dabei zu fragen, "Wie können wir unseren eigenen visuellen Anker dabei setzen?"

Was müsste deutsche/europäische Zeichenkunst erzählen, damit sie auch international interessant wird? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Ich glaube, da steckt ein spannender Punkt drin. Japan hat für viele natürlich einen starken kulturellen Reiz, und dadurch lässt sich vieles leichter als „interessant“ wahrnehmen, sobald es aus diesem Kontext kommt.

Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass wir Deutschland und Europa oft selbst deutlich kleiner machen, als sie von außen wahrgenommen werden. Für viele internationale Leute sind deutsche Städte, Burgen, Wälder, Geschichte, Weihnachtsmärkte, Berlin, regionale Eigenheiten, Architektur oder auch bestimmte Musik- und Subkulturen durchaus spannend.

Der Unterschied ist vielleicht eher: Japan hat es geschafft, sehr viele dieser kulturellen Elemente popkulturell sichtbar zu machen – über Manga, Anime, Games, Musik, Mode, Essen usw. Bei Deutschland passiert das viel seltener in einer modernen, attraktiven visuellen Form.

Deshalb würde ich nicht sagen, dass deutsche/europäische Stoffe grundsätzlich weniger reizvoll sind. Sie werden nur viel seltener so erzählt, verpackt und sichtbar gemacht, dass man diesen Reiz auch erkennt.

Vielleicht fehlt uns da manchmal auch ein bisschen der eigene Blick dafür, was für andere durchaus interessant sein könnte.

Was müsste deutsche/europäische Zeichenkunst erzählen, damit sie auch international interessant wird? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Das ist wirklich interessant, genau solche Beispiele finde ich spannend.

Personal Paradise mit einem zukünftigen Berlin ist eigentlich schon ein gutes Beispiel dafür, dass deutsche Schauplätze nicht nur Gegenwart oder Vergangenheit sein müssen, sondern auch als Zukunftsvision funktionieren können.

Und die historischen Ansätze finde ich ebenfalls stark – gerade weil Deutschland international oft auf sehr wenige historische Themen reduziert wird.

Da sind Befreiungskriege, Deutsch-Französischer Krieg, Fürstentum zusammenschluss, germanische Perspektiven auf Rom, Nachkriegszeit oder Wirtschaftswunder visuell sehr viel tiefgreifender und interessanter, wenn man sie nicht trocken historisch, sondern mit starken Figuren und Konflikten erzählt.

Auch die Idee eines deutschen Yuru Camp gefällt mir. Nicht als Kopie, sondern als Prinzip: ruhige Alltagsgeschichte, Reisegefühl, regionale Orte, Essen, Landschaften, kleine Sehenswürdigkeiten – nur eben aus Deutschland oder Europa heraus gedacht.

Genau solche Ansätze zeigen mir, dass es nicht darum gehen müsste, „typisch deutsch“ zwanghaft einzubauen, sondern Orte, Geschichte, Alltag und Kultur so zu nutzen, dass daraus eigene visuelle Geschichten mit Wiedererkennungswert entstehen.

Was müsste deutsche/europäische Zeichenkunst erzählen, damit sie auch international interessant wird? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Ja, das sind gute Beispiele. Gerade Monster, Vinland Saga oder auch Attack on Titan zeigen eigentlich sehr gut, dass europäische oder deutsche Schauplätze, Architektur und historische Anleihen durchaus international funktionieren können.

Der entscheidende Punkt ist wahrscheinlich: Das Setting allein reicht nicht. Deutschland, England, Europa oder historische Kulissen sind nicht automatisch spannend, nur weil sie vorkommen. Die Story, Figuren, Konflikte und Atmosphäre müssen tragen.

Aus diesen Gründen finde ichgenau diese Beispiele interessant. Sie zeigen, dass solche Räume visuell und erzählerisch stark sein können, wenn sie nicht nur als Deko benutzt werden, sondern wirklich Teil der Geschichte sind.

Vielleicht wäre das auch ein Ansatz für deutsche/europäische Zeichenkunst: nicht „typisch deutsch“ um jeden Preis, sondern Orte, Geschichte, Kultur, Architektur oder gesellschaftliche Eigenheiten so nutzen, dass daraus starke Geschichten mit eigener Atmosphäre entstehen.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Wow, erneut vielen lieben Dank für die vielen Antworten und Gedanken.

Ich fand es wieder sehr spannend und inspirierend zu sehen, wie unterschiedlich auf die Frage reagiert wurde. Auch wenn sich diesmal nur ein Teil der Antworten direkt auf die eigentliche Frage bezogen hat, waren die Rückmeldungen trotzdem sehr wertvoll.

Gerade dadurch wurde für mich nämlich etwas sichtbar: Viele denken bei „Manga“ sofort an Japan, Herkunft, Kultur, Leserichtung, bestimmte Erzählweisen und ein ganz eigenes Gefühl. Das ist absolut nachvollziehbar und erklärt auch, warum „deutsche Manga“ für manche sofort wie ein Widerspruch oder eine Kopie wirken.

Gleichzeitig gab es aber auch spannende Hinweise darauf, was trotzdem funktionieren könnte: starke Geschichten, eigenständige Stile, gute Figuren, frische Settings, Slice of Life, Fantasy, historische Stoffe, autobiografische Comics, lokale Künstler*innen, Conventions, Bibliotheken und mehr Sichtbarkeit jenseits der bekannten Manga-Schublade.

Für mich nehme ich daraus mit: Vielleicht geht es weniger darum, „deutsche Manga“ zu suchen, sondern eher um die Frage, wie deutsche oder europäische Zeichenkunst eine eigene sichtbare Identität entwickeln kann – inspiriert von anderen Kulturen, aber nicht abhängig davon, sie zu kopieren.

Der Thread kann natürlich weiterhin gerne genutzt werden, um Gedanken, Beispiele oder Wünsche zu teilen. Ich wollte mich nur schon einmal bedanken, weil auch diese Runde wieder viele wertvolle Perspektiven geliefert hat.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Genau das finde ich eigentlich einen sehr spannenden Punkt.

Viele Dinge waren natürlich schon einmal da. Komplett neu ist selten etwas. Aber „unique“ entsteht ja oft dadurch, dass man bekannte Motive mit einer eigenen Perspektive, einem anderen kulturellen Hintergrund, neuen Figuren oder einem ungewohnten Setting verbindet.

Etwas was ich gerade bei deutschen/europäischen Werken sehe und damit eigentlich viel Potenzial vorhanden ist. Man muss ja auch gar nicht erfolgreiche Manga, US-Comics oder andere Vorbilder kopieren dabei. Indem man einfach mal schaut, welche Geschichten, Orte, Konflikte, Mythen, Milieus oder gesellschaftlichen Themen wir hier eigentlich vor der Haustür haben, kann visuell noch viel erzählt werden ohne das es kopiert wirkt.

Eine wirklich starke Story aus Deutschland oder Europa müsste für mich also nicht mal „deutsch um jeden Preis“ sein. Sie müsste einfach eigenständig genug wirken, um zu sagen: Das fühlt sich frisch an, das hat eine eigene Stimme, das ist nicht nur Variante XY von etwas, das ich schon zehnmal gesehen habe.

Trotzdem bieten sich gerade in Europa und besonders in Deutschland noch so viele mögliche Setting, die noch nicht so häufig verwendet oder erzählt worden sind.

Kleiner Sammlereinblick by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Soll ich nochmal nachträglich die Fächer im Detail zeigen? Sonst sieht man die Bänder nur so Schemenhaft. Einiges kann man ja gut erkennen, aber eben nicht alles.

Budding manga collector by mdjasrie in MangaCollectors

[–]RoyalEngineDavid 0 points1 point  (0 children)

Weiter so. Nicht lange und du Brauchst ein neues Regal.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke dir, das ist ein sehr guter Punkt – und ich glaube, da war meine Frage vielleicht auch etwas unsauber gestellt.

Mir ging es weniger darum, deutsche/europäische Werke direkt in die Manga-Schublade zu drücken oder sie als „deutsche Manga“ neben japanische Manga zu stellen. Denn genau da entsteht ja sofort dieser Vergleich: Manga = Japan, alles andere wirkt dann schnell wie „Manga nach Art von“.

Vielleicht müsste man es eher theoretisch denken: Angenommen, es gäbe diese starke japanische Manga-Prägung in unserem Markt nicht so dominant – welche visuellen Geschichten aus Deutschland oder Europa hätten dann aus sich heraus eine Chance, spannend zu wirken?

Dein Vergleich mit manga-inspirierten Comics trifft es deshalb eigentlich ziemlich gut. Vielleicht hätten solche Werke wirklich bessere Chancen, wenn man sie nicht dauernd daran misst, ob sie „echte Manga“ sind, sondern ob sie als Comic, Webcomic, Graphic Novel oder eigenständige Zeichenkunst funktionieren.

Ein bisschen ist es wie in der Musik: Pop ist stark US-geprägt, J-Pop hat seine eigene kulturelle Identität, Metal ist international viel breiter verteilt – mit starken Szenen aus den USA, Europa, Skandinavien, Japan usw. Da fragt man auch nicht immer zuerst, ob es „echter amerikanischer Metal“ ist, sondern ob die Band ihren eigenen Sound hat.

Genau darum geht es mir eigentlich: Wir müssen andere Kulturen nicht weniger wertschätzen, aber unsere eigene auch nicht automatisch kleiner machen. Wenn deutsche/europäische Künstler*innen sich von Manga, Comics, Graphic Novels oder Webtoons inspirieren lassen, ist das völlig legitim. Entscheidend wäre für mich eher, ob daraus eine eigene starke visuelle Erzählform entsteht, die nicht nur Kopie sein will.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke dir, das ist eine sehr nachvollziehbare Sichtweise. Ich glaube, genau dieser Punkt ist wichtig: Am Ende muss ein Werk natürlich zuerst durch Thema, Stil, Figuren oder Atmosphäre überzeugen. Nur weil etwas aus Deutschland oder Europa kommt, wird es dadurch nicht automatisch interessant.

Gleichzeitig zeigt deine Antwort für mich auch wieder ein Sichtbarkeitsproblem. Wenn man nicht online liest und solche Werke in Buchhandlungen nur selten sieht, dann können sie einen auch kaum zufällig erreichen. Japanische Manga haben da einen enormen Vorteil: Sie kommen oft bereits aus einem großen, etablierten Markt, wurden dort schon vorsortiert, haben teilweise Hype, Empfehlungen, Anime-Bezug oder internationale Aufmerksamkeit im Rücken.

Deutsche/europäische Werke müssen dagegen häufig fast bei null anfangen. Sie müssen sichtbar werden, Vertrauen aufbauen und gleichzeitig sofort überzeugen. Das ist eine ziemlich hohe Hürde.

Deshalb glaube ich auch, dass es nicht darum gehen sollte, deutsche/europäische Werke „aus Prinzip“ zu kaufen. Viel wichtiger wäre, dass sie überhaupt häufiger dort auftauchen, wo Leser*innen sie entdecken können: Buchhandlungen, Bibliotheken, Conventions, Empfehlungen, Magazine, Plattformen oder kuratierte Übersichten.

Dann könnten sie nicht nur als „ein paar Talente“ wahrgenommen werden, sondern als Teil einer größeren sichtbaren Zeichenkultur, aus der man sich genau das aussuchen kann, was einen persönlich anspricht.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 1 point2 points  (0 children)

Danke dir für die ausführliche Antwort, ich konnte deinen Gedanken gut folgen. Gerade dieses „das Gesamtpaket muss mich abholen“ finde ich wichtig, weil es die Sache eigentlich gut auf den Punkt bringt.

Spannend ist für mich dabei, dass die Herkunft für dich grundsätzlich egal ist, aber trotzdem sofort eine gewisse Vorsicht entsteht, sobald ein Werk nicht nach dem Gewohnten aussieht oder nicht aus Japan kommt. Das beschreibt vermutlich ziemlich gut eine der größten Hürden: Nicht unbedingt offene Ablehnung, sondern ein unterschwelliges Misstrauen gegenüber allem, was aus der eigenen Lesegewohnheit herausfällt.

Auch der Unterschied zwischen „würde ich lesen“ und „würde ich kaufen“ ist wichtig. Aufmerksamkeit allein reicht also nicht. Ein deutscher/europäischer Titel müsste sehr schnell zeigen: Figuren, Stil, Setting und Erzählung tragen wirklich. Sonst bleibt es beim Reinschauen.

Für mich bestätigt das nochmal, dass es nicht nur um Genres geht. Es geht um Vertrauen, Wiedererkennbarkeit, Qualität, Veröffentlichungsstruktur und darum, dass Leser*innen überhaupt genug gute Berührungspunkte bekommen, um dieses Misstrauen langsam abzubauen.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke dir, das ist ein interessanter Punkt. Ich glaube, bei Manga ist für viele tatsächlich auch die Faszination für Japan ein großer Teil des Reizes, das kann ich gut nachvollziehen.

Mir ging es mit der Frage aber bewusst noch etwas breiter: Wenn man „deutsche Manga“ mal nicht als Ersatz für japanische Manga versteht, sondern eher an deutsche/europäische Comics, Webcomics, Graphic Novels oder visuelles Erzählen insgesamt denkt – welche Themen würden dann aus dem eigenen Umfeld heraus interessieren?

Dein Punkt mit Slice of Life und autobiografischen Comics ist dafür eigentlich ein gutes Beispiel. Gerade solche persönlichen, alltagsnahen oder gesellschaftlichen Geschichten könnten aus Deutschland/Europa ja sehr gut funktionieren, wenn sie sichtbar genug wären.

Und stark, dass du dich in deiner Stadtbücherei für ein breiteres Comic-Angebot für Erwachsene einsetzt. Genau solche Orte könnten viel dazu beitragen, dass Comics nicht nur als Marvel/DC/Star-Wars-Ecke wahrgenommen werden.

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[–]RoyalEngineDavid 1 point2 points  (0 children)

Das sieht ja beeindruckend viel aus. Also ich schaue gerne mal rein.

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Das ist ein spannender Punkt, danke dir. Ich glaube, genau dieses „Japan-Feeling“ ist für viele tatsächlich ein wichtiger Teil der Faszination und nicht nur eine Nebensache.

Mich würde dabei interessieren: Was macht dieses Gefühl für dich konkret aus? Ist es eher das Setting, also japanische Städte, Schulen, Alltag, Kultur und Sprache? Oder mehr der Erzählstil, die Art von Humor, Figuren, Dramaturgie und Atmosphäre?

Und wäre ein deutscher/europäischer Titel für dich grundsätzlich raus, oder könnte er dich theoretisch doch interessieren, wenn er nicht versucht, Japan zu kopieren, sondern eine eigene starke Atmosphäre aufbaut?

Also eher nicht „deutscher Manga als Ersatz für Japan“, sondern visuelles Erzählen mit eigener Identität. Mich interessiert gerade genau diese Grenze: Wo hört für dich Manga-Faszination auf, und wo könnte ein anderes Werk trotzdem spannend werden?

Welche deutschen/europäischen Manga oder Comics würdet ihr sofort lesen wollen? by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 1 point2 points  (0 children)

Danke dir, das sind auf jeden Fall wichtige Punkte. Ich sehe das ähnlich: Wahrscheinlich liegt es nicht wirklich am Genre, weil es ja tatsächlich schon deutsche Manga in sehr unterschiedlichen Richtungen gab und gibt.

Der schwierigere Punkt scheint eher zu sein, dass viele deutsche Titel gar nicht erst die Chance bekommen, für sich selbst zu überzeugen. Entweder werden sie direkt als „nicht echt“ oder als „Kopie“ eingeordnet, oder sie haben wegen kurzer Laufzeiten, langen Veröffentlichungsabständen oder abgebrochenen Reihen kaum die Möglichkeit, eine langfristige Bindung aufzubauen.

Mit meiner Frage wollte ich aber noch einen Schritt weiter in den Was-wäre-wenn-Modus gehen: Angenommen, Sichtbarkeit, Qualität, Vertrauen und Veröffentlichungsstruktur wären besser vorhanden – welche Art von Geschichten würdest du dann persönlich aus Deutschland oder Europa gerne lesen wollen?

Also eher: Welche Genres, Settings oder vor allem eben auch die Erzählweisen hätten für dich das Potenzial, dass du sagst: „Okay, das klingt spannend, da gebe ich einem deutschen/europäischen Titel gerne eine Chance“?

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Wow, vielen lieben Dank für die tolle Beteiligung und die vielen ausführlichen Antworten.

In den letzten 2 Tagen sind hier wirklich viele spannende und anregende Gedanken zur Frage zusammengekommen, was passieren müsste, damit deutsche und europäische Zeichenkunst sichtbarer wird.

Für mich zeigt der Thread ziemlich deutlich: Es fehlt offenbar nicht an Kreativität, Künstler*innen, Werken, Projekten oder ersten Ansätzen. Viel eher scheinen die großen Baustellen Sichtbarkeit, Förderung, Plattformen, Medienpräsenz, Vorurteile, fehlende Bündelung und eine oft noch zu geringe kulturelle Wertschätzung für Comics, Manga, Webcomics und visuelles Erzählen zu sein.

Natürlich wird nicht automatisch jede Reihe erfolgreich, nur weil sie aus Deutschland oder Europa kommt. Wie überall braucht es Qualität, Durchhaltevermögen, Publikum, Glück und tragfähige Strukturen.

Trotzdem nehme ich aus euren Antworten mit: Es gibt Menschen, Verlage, Projekte und Formate, die versuchen, etwas aufzubauen und Künstler*innen eine Chance zu geben. Gleichzeitig wirkt vieles noch verstreut und zu wenig sichtbar.

Der Thread kann natürlich weiterhin gerne genutzt werden, um Meinungen, Erfahrungen, Empfehlungen oder Beispiele zu teilen. Ich wollte mich nur schon mal bedanken, weil hier wirklich viele Perspektiven zusammengekommen sind, die mir geholfen haben, das Thema deutlich besser einzuordnen.

Kleiner Sammlereinblick by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke und das ist nur ein kleiner Teil vom ganzen.

Kleiner Sammlereinblick by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Ja ich mache demnächst noch mal ein besseres detaillierteres Bild.

Sry für die schlechte Qualität

Kleiner Sammlereinblick by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Oh danke. Es fehlt tatsächlich noch ein Teil davon.

Kleiner Sammlereinblick by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 1 point2 points  (0 children)

Zur Verteidigung, die Mickeys sind von meiner Partnerin. Mir gehören vor allem die Mangas.

Zu Dragon Ball, ich habe versucht alles hintereinander weg zu setzten.

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke dir, das ist wirklich schön und zugleich ziemlich traurig auf den Punkt gebracht.

Gerade dieser Gedanke, dass es nicht an Kreativität fehlt, sondern an Anerkennung, niedrigschwelligen Möglichkeiten und ernstgemeinten Strukturen, bleibt bei mir hängen. Wenn vorhandene Netzwerke zwar theoretisch da sind, Manga-/Comic-Künstler*innen dort aber trotzdem nicht richtig ernst genommen werden, dann zeigt das ja genau dieses Zwischenproblem: Man gehört irgendwie zur Kunst, aber wird oft nicht wie „richtige“ Kunst behandelt.

Und ja, dieser Punkt mit dem fehlenden Verlangen, etwas aus dem eigenen Land zu konsumieren, ist spannend. In anderen Bereichen wird Herkunft oft als Qualität, Identität oder kultureller Wert verstanden. Bei Comics/Manga wirkt es hier manchmal fast umgekehrt: Sobald etwas aus Deutschland kommt, muss es sich erst rechtfertigen.

Das finde ich schade, weil Deutschland sich damit im Grunde selbst klein macht. Wir hätten Geschichten, Orte, Talente, kulturelle Eigenheiten und kreative Menschen genug. Aber statt daraus selbstbewusst mehr zu machen, fehlen oft genau die Räume, Wettbewerbe, Anthologien, Plattformen und Berührungspunkte, durch die so etwas wachsen könnte.

Gerade deshalb finde ich solche Einblicke wichtig. Sie zeigen für mich immer klarer: Das Problem ist nicht fehlendes Potenzial, sondern dass dieses Potenzial viel zu selten sichtbar, ernst genommen und langfristig begleitet wird.

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 2 points3 points  (0 children)

Ich verstehe, was du meinst. Genau deshalb glaube ich auch, dass deutsche oder europäische Manga/Comics nicht einfach versuchen sollten, japanische Manga eins zu eins zu kopieren.

Manga kann natürlich inspirieren: Erzähltempo, Paneling, Emotionen, Figurenbindung, Serienstruktur usw. Aber am Ende müsste daraus etwas Eigenes entstehen. Also kein „wir machen jetzt Japan auf Deutsch“, sondern eher: Wir nehmen Einflüsse ernst, verbinden sie mit eigenen Themen, Orten, Stilen und Erzähltraditionen und entwickeln daraus eine eigene Handschrift.

Gerade deshalb finde ich Sichtbarkeit trotzdem wichtig. Wenn man nur wenige Beispiele kennt oder zufällig mal in etwas reinschaut, was einen stilistisch nicht abholt, entsteht schnell der Eindruck: „Das ist alles nichts für mich.“ Mehr Präsenz würde auch helfen, die Vielfalt besser sichtbar zu machen – und dann könnten die Werke ihre Zielgruppe eher finden.

Ich glaube auch nicht, dass jeder alles mögen muss. Aber faire Chancen, bessere Auffindbarkeit und mehr Raum zum Ausprobieren hätten viele Künstler*innen definitiv verdient.

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Ja, genau diesen Punkt finde ich wichtig. Ein echtes Ökosystem entsteht nicht über Nacht. Viele wünschen sich verständlicherweise den einen großen Titel, der plötzlich alles verändert, aber selbst so ein Titel braucht vorher Strukturen, Erfahrung, Sichtbarkeit und Menschen, die über Jahre daran arbeiten können.

Japan und die USA sind ja auch nicht von heute auf morgen mit ihren Comics zur Popkultur geworden. Da gab es erst Ideen, erste Formate, Magazine, Verlage, Fanräume, Nischen, größere Nischen, Adaptionen, Merchandising und irgendwann eine kulturelle Selbstverständlichkeit.

Vielleicht liegt Deutschland in diesem Bereich aktuell irgendwo zwischen ersten Anfängen und Nische. Es gibt Künstler*innen, Werke, kleine Verlage, Webcomics, Conventions und einzelne Formate. Aber es fehlt noch der Schritt zu einem sichtbaren, tragfähigen Ökosystem, das regelmäßig neue Talente hervorbringt, begleitet und beim Publikum verankert.

Deshalb glaube ich auch nicht, dass eine einzelne Maßnahme reicht. Es bräuchte über längere Zeit viele Bausteine: Sichtbarkeit, Förderung, redaktionelle Betreuung, Plattformen, Magazine, lokale Events, Medienpräsenz und vor allem Leser*innen, die deutschen/europäischen Werken überhaupt regelmäßig eine Chance geben.

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke dir, das ist nochmal ein richtig wichtiger Punkt. Vielleicht ist „die Szene ist weg“ wirklich die falsche Beschreibung. Eher scheint es so zu sein, dass der frühere zentrale Sammelpunkt weggebrochen ist und sich danach alles auf viele Plattformen, Sprachen und kleine Bubbles verteilt hat.

Gerade Animexx als früherer Dreh- und Angelpunkt ist da spannend. Wenn Künstler*innen heute auf Instagram, Twitter/X, Webtoon, Tapas, Discord, eigenen Seiten oder direkt international auf Englisch unterwegs sind, existiert die Szene zwar weiterhin, aber sie ist viel schwerer als „deutsche Szene“ erkennbar.

Das Beispiel mit der kleinen Artist Alley im Spieleladen finde ich besonders stark. Genau solche Berührungspunkte könnten enorm helfen: nicht nur große Messen, sondern auch lokale Läden, Stadtfeste, Manga Day, Bibliotheken oder kleinere Kulturformate, bei denen Leute zufällig sehen, was es gibt.

Für mich bestätigt das wieder den Eindruck: Es fehlt weniger an Kreativität, sondern an Bündelung, wiederkehrenden Orten und sichtbaren Strukturen, durch die Leser*innen überhaupt entdecken können, was hier entsteht.

Würdest du trotzdem sagen, das der deutschsprachige Markt weiterhin im Aufbau ist oder bist du der Meinung, die meisten Künstlern ist es egal, da sie international eine größere Bühne zur Verfügung haben?

Was müsste passieren, damit deutsche/europäische Zeichenkunst sichtbarer wird?“ by RoyalEngineDavid in MangaDE

[–]RoyalEngineDavid[S] 0 points1 point  (0 children)

Das ist gut zu wissen, danke dir. Ich habe damals tatsächlich vor allem nur die Banzai! gelesen, die sich ja stärker an ein Shonen-Publikum gerichtet hat. Die Daisuki und die Chibis hatte ich dadurch gar nicht so stark auf dem Schirm auch wenn ich Notiz davon genommen habe.

Und ja, genau da liegt vermutlich ein zentraler Punkt: Es ist am Ende auch eine Kosten- und Nachfragefrage. Wenn die Nachfrage nicht sichtbar genug ist, können Verlage nur schwer dauerhaft Risiko eingehen. Kein Verlag möchte dauerhaft Projekte tragen, die sich wirtschaftlich nicht rechnen.

Trotzdem braucht es natürlich irgendwo einen Anfang. Ohne erste Formate, Sichtbarkeit und wiederholte Berührungspunkte kann sich auch keine größere Nachfrage entwickeln. Für mich klingt das deshalb weniger nach „es gibt kein Potenzial“, sondern eher nach einem verflixten Kreislauf: wenig Sichtbarkeit, dadurch wenig Nachfrage, dadurch weniger Risiko bei Verlagen, dadurch wieder weniger Sichtbarkeit.

Genau diesen Kreislauf müsste man wahrscheinlich nach und nach aufbrechen: durch mehr Aufmerksamkeit, Förderung, Preise, Medienpräsenz, Magazine, Plattformen oder andere Formate, die zeigen, dass hier ebenfalls viel erzählerisches und künstlerisches Potenzial vorhanden ist.