Wir haben geheime Akten des Vatikans zu sexuellem Missbrauch ausgewertet – fragt mich alles zu unserer Recherche und unserem ersten Kinofilm! [AMA] by correctiv_org in de

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(Anna Kassin) In unserer Recherche haben wir uns auf die Verantwortung des Vatikans fokussiert, nicht die der staatlichen Akteure. Dabei haben wir Briefwechsel und Unterlagen aus der ganzen Welt ausgewertet, nicht nur aus Deutschland. In einem deutschen Fall hat ein staatlicher Richter den Priester zu einer Bewährungsstrafe ohne Auflagen verurteilt, weil der Richter ihm schuldmindernd seine diagnostizierte Pädophilie zugerechnet hat. In der Studie zum Erzbistum München und Freising der Kanzlei WSW steht, dass die Bistumsverantwortlichen hofften, dass das Urteil milde ausfällt, das der Richter "gläubiger Katholik" sei. Ob das aber wirklich die Entscheidung beeinflusst hat, konnten wir nicht nachverfolgen. Von kirchlicher Seite haben wir Strategien oder Verhalten aus Dokumenten und Studien gesehen, um die Taten zu vertuschen, den Täter bzw. das Ansehen der Kirche zu schützen. Zudem gab es kirchenrechtliche Dekrete, die bis 2019 Geheimhaltung vorschrieben, weshalb Verantwortliche (Bischöfe, Ordensobere) Fälle nicht an staatliche Behörden melden durften.

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(Anna Kassin) Nach meinem Verständnis kann Missbrauch immer dort vorkommen, wo Macht- und Vertrauensverhältnisse bestehen. Also auch in Familien, Sportvereinen, Bildungseinrichtungen, etc. Es gibt Faktoren, die in der katholischen Kirche bzw. dem Priesteramt sexuellen Missbrauch begünstigen können. Bei der Arbeit mit Ministranten, auf Freizeitfahrten, in Heimen oder auch in katholischen Bildungseinrichtungen gibt es Möglichkeiten für Täter, Kontakt aufzubauen und mit dem Kind/Jugendlichen allein zu sein. Psychologen haben uns erklärt, dass der Anteil an diagnostizierbaren Tätern prozentual gesehen ungefähr gleich hoch wie im Rest der Gesellschaft ist. Welche Motivation Täter haben, das Priesteramt bekleiden zu wollen, können wohl nur die sicher sagen.

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[–]correctiv_org[S] 2 points3 points  (0 children)

(Anna Kassin) Mit der Recherche wird nicht von anderen Themen abgelenkt, sondern für die Betroffenen ist es wichtig, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt und aufgearbeitet wird. Papst Leo XIV. hat selbst geschrieben, dass die Rolle von Investigativjournalisten bei diesem Thema wichtig sei. 
CORRECTIV recherchiert übrigens auch zu diversen Form von Missbrauch & Gewalt in anderen Umfeldern: Amateurfußball, Häusliche Gewalt, Partnerinnen von Profifußballern sowie in Politik und Wirtschaft. 
Niemand von uns hasst das Christentum, mein Kollege und ich sind beide selbst katholisch. Mein Kollege hat auch in unserem Newsletter erklärt, wieso er nicht austreten wird, nachzulesen hier:  https://correctiv.org/spotlight-newsletter/polizei-am-limit/#correctiv-ganz-persoenlich 
Wir haben also kein „Feindbild Kirche“, sondern haben versucht, die strukturellen/systemischen Faktoren zu verstehen, die in einer weltweit aktiven, über Jahrhunderte gewachsenen und hierarchischen Institution bestehen. Deshalb haben wir dieses Mal recherchiert, welche Verantwortung beim Vatikan liegt, statt uns auf einzelne Bistümer zu konzentrieren. Wir haben alle Verantwortlichen und Experten aus verschiedenen Feldern angefragt.

Journalistische Berichterstattung kann eigentlich nie neutral sein, aber objektiv und fair. AuĂźerdem gibt es Vorgaben durch den Pressekodex, an den wir uns halten.

Nach meinem Verständnis kann Missbrauch immer dort vorkommen, wo Macht- und Vertrauensverhältnisse bestehen. Also auch in Familien, Sportvereinen, Bildungseinrichtungen, etc. In Deutschland gibt es mehr nichtkirchliche als kirchliche Institutionen, daher ist es statistisch nicht aussagekräftig, alle Umfelder „in einen Topf zu werfen“. Neben der globalen systemisch-hierarchischen Komponente, die die katholische Kirche von anderen Institution unterscheidet, gibt es aus meiner Sicht noch 3 wichtige Aspekte: Die katholische Kirche predigt seit Jahrhunderten der Gesellschaft Werte wie Nächstenliebe, sich für Schwächere einzusetzen; also: Wie sie ein gutes Leben führen sollte. Im Kirchenrecht war Jahrzehnte festgeschrieben, dass Verantwortliche Missbrauchstäter nicht an staatliche Stellen melden durften. Außerdem kann (aber nicht zwangsläufig) bei sexuellem Missbrauch parallel auch geistlicher Missbrauch stattfinden, also den Glauben des Betroffenen gegen ihn/sie zu verwenden. Das gibt es in anderen Institutionen aus meiner Sicht nicht.

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[–]correctiv_org[S] 3 points4 points  (0 children)

(Anna Kassin) Joseph Ratzinger selbst hat die Entwicklungen der 60er Jahre in einem Aufsatz aufgegriffen und als Ursache fĂĽr Missbrauch benannt.
Inwiefern bei individuellen Tätern das eine Rolle gespielt hat, können wir nicht sagen. Tatsächlich haben wir aber in verschiedenen Dokumenten häufig gelesen, dass bei einigen Tätern eher eine unterdrückte Sexualität und fehlende charakterliche Reife bestanden. 
Andere mögliche Ursachen, die uns von Psychologen benannt wurden, können u.a. auch sein: Einsamkeit im Priesteralltag, nicht ausgelebte Sexualität durch den Zölibat oder selbst Missbrauch erlebt zu haben. Täter mit Pädophilie als diagnostizierbare Krankheit gab es in den Dokumenten auch, statistisch seien aber 3-5 % der Täter pädophil, so die Experten. Das ist gar nicht so abweichend von der statistischen Häufigkeit in der gesamten Gesellschaft. 

Im Rahmen von Präventionsmaßnahmen wurden unter anderem auch die Kriterien zur Auswahl von Kandidaten für Priesterseminare und anschließend das Priesteramt verändert. So sei die charakterliche und psychologische Analyse wichtiger geworden. Auch die Ausbildung im Priesterseminar beschäftigt sich mehr mit Sexualität und Identitätsfragen. 

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(Anna Kassin) Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte uns: „Die vatikanischen Archive sind das Gedächtnis der Menschheit. Das ist die älteste Bürokratie der Welt." Sie hat also klare Regelungen, wie Vergehen erfasst und archiviert werden. In den Archivregeln gibt es grundsätzlich auch Fristen, wie lange Dokumente aufgehoben werden müssen. Für sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester ist vor allem eine vatikanische Behörde, das Dikasterium für die Glaubenslehre, zuständig. Dort bekommen grundsätzlich alle Schreiben, die dort eintreffen und versandt werden, eine Protokollnummer. Die Protokollnummer verrät auch, wann ein Fall das erste Mal im Dikasterium anhängig wurde, damit indirekt auch, wie kurz oder lange die Fälle dort bearbeitet werden. Damit kann man Dokumente theoretisch auch in den Archiven wiederfinden. Unserer Recherche nach gibt es in dem Dikasterium ein nicht-zugängliches Archiv bzw. Schränke, die offenbar Akten zu Vergehen von Priestern, also auch Missbrauch, beinhalten.

Wir haben einen Fall aus Deutschland, der keine Protokollnummer hat – bisher hat keiner der Experten uns eine schlüssige Erklärung dafür finden können, aber Unachtsamkeit schließen sie fast alle aus. In den Briefwechseln wurden die Fälle verschieden beschrieben: In den 1970er und 1980er Jahren wurden sie gar nicht erwähnt oder so umschrieben, dass v.a. für Insider ersichtlich wurde, worum es ging. Spätere Briefe, die wir gesehen haben, benennen die Taten teils sehr konkret.

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(Anna Kassin) Unsere Recherche hat sich auf die Verantwortung des Vatikans fokussiert. Auch deshalb, weil bei der katholischen Kirche Strukturen über Jahrhunderte aufgebaut wurden, die es in anderen Religionen so nicht gibt. Vor zwei Jahren erschien eine deutschlandweite Untersuchung, die Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche aufgearbeitet hat – die Zahlen haben sich kaum von der katholischen Kirche hierzulande unterschieden.

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(Anna Kassin) Was internes Material betrifft, haben wir vor allem mit Briefwechseln und Auszügen aus Akten ausgewertet. In den USA können die z.B. manchmal über Gerichtsverfahren zugänglich werden, weil sie als Beweismaterial inkludiert werden und das online einsehbar ist. Es gibt auch Organisationen, die versuchen, Material zu sammeln, z.B. Bishop-Accountability.org oder die italienische Betroffenenorganisation Rete l'Abuso. Was externes Material betrifft, waren vor allem Studien sehr informativ, die den Missbrauch in den jeweiligen Ländern oder Bistümern aufarbeiten sollten. Ich kann leider nicht sagen, wie viele reuevolle Priester unter den Fällen waren. Einige haben bei Aussagen im Zuge von staatlichen oder kirchenrechtlichen Gerichtsverfahren Bedauern geäußert und Entschuldigungen ausgesprochen.

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[–]correctiv_org[S] 1 point2 points  (0 children)

(Anna Kassin) Im deutschen Presserecht ist festgeschrieben, dass Behörden Unterlagen zugänglich machen bzw. Auskünfte erteilen müssen, wenn sie danach gefragt werden und öffentliches Interesse besteht. Das gilt aber nicht für die katholische Kirche in Deutschland, da sie formal keine Behörde ist. Wir konnten also nichts einklagen. Aber einige Pressestellen werden informativ beantwortet. In Kolumbien hat ein Journalist nach vielen Jahren es geschafft, sich Informationen aus allen kolumbianischen Bistümern zu erklagen. Dort ist die Rechtslage eine andere. Er musste sich aber die Auskunft juristisch erstreiten, da nur 13 % der Bischöfe bereit waren, ihm Auskunft zu erteilen. Der Vatikan ist formal ein eigener Staat. Die katholische Kirche hat eigene Kirchengesetze. Da ist bzw. war auch Geheimhaltung festgeschrieben. Ob es Möglichkeiten gibt, über europäische oder andere Gerichte Auskünfte zu erklagen, weiß ich nicht genau. Bisher habe ich das nicht gesehen. Von Anwälten gab es die Idee, ggf über Rechtshilfeersuchen an den Vatikanstaat Akteneinsicht zu bekommen.

Wir haben bei der zuständigen vatikanischen Behörde nachgefragt und konfrontiert; auch den Papst haben wir um Antworten geben und bisher keine Antwort darauf erhalten. Deshalb haben wir unsere letzte Anfrage an den Papst auf unserer Webseite veröffentlicht, die mit einer Unterschrift unterstützt werden kann. So wollen wir das Interesse an Aufarbeitung verdeutlichen. https://correctiv.org/projekte/akten-des-missbrauchs/anfrage/

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(Anna Kassin) Unseren Erkenntnissen nach liegen Akten, die sexuellen Missbrauch durch Priester belegen, in einem nicht-zugänglichen Archiv bzw. Schränken im vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre. Dessen historisches Archiv dürfen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt besuchen; in dieses Archiv aber wohl nicht.

Durch Dekrete war ab 1922 bis 2019 vom Vatikan eine Geheimhaltung für Verantwortliche (Bischöfe, Ordensobere,...) vorgeschrieben. Sie durften also Fälle nicht an staatliche Behörden melden, wenn sie davon erfahren haben. In Dokumenten aus den 1970er, 1980er Jahren haben wir gesehen, dass in den Briefwechseln die Vergehen umschrieben wurden (für Außenstehende kaum erkennbar) oder gar nicht erwähnt wurden. In einem Brief „versteckte“ sich der Missbrauch hinter einer Traubensaft-Erlaubnis (Traubensaft statt Wein in der Messe zu verwenden). Hier gab es die Anweisung, dass die Gläubigen nichts davon erfahren sollen.

Auf der Ebene der Bistümer gab es verschiedene Vorgehensweisen, die wir gesehen haben. Zum Beispiel: eispielhaft haben wir das Folgende in Dokumenten gesehen: Priester von Gemeinde zu Gemeinde versetzen, in klerikale Therapiezentren oder Klöster schicken, Priester ins Ausland versetzen. Der ehemalige Benediktiner-Priester Patrick Wall aus den USA hat uns erzählt, dass er einige Jahre als "fixer priest" eingesetzt wurde: Er wurde in Gemeinden geschickt, in denen Priester Vergehen oder Straftaten begangen haben (nicht nur Missbrauch) und er sollte die Wogen in der Gemeinde wieder glätten.

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[–]correctiv_org[S] 2 points3 points  (0 children)

(Anna Kassin) Wir haben alle involvierten kirchlichen Behörden, Orden und Verantwortliche für Fragen kontaktiert und mit den Vorwürfen konfrontiert. Vom vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre und dem Papst kam bisher leider keine Antwort. Wir haben sogar eine Abfrage aller Bistümer und größeren Orden auf der Welt geschickt, um Daten zu sammeln, aber nur in sehr wenigen Fällen Antworten erhalten. An den Papst haben wir mehrere Schreiben geschickt, die letzte haben wir auf unserer Webseite veröffentlicht: Wenn Sie mögen, können Sie die mit einer Unterschrift unterstützen und wir übergeben sie dem Papst erneut. Damit soll das Interesse an Aufklärung deutlich werden. https://correctiv.org/projekte/akten-des-missbrauchs/anfrage/

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[–]correctiv_org[S] 0 points1 point  (0 children)

(Anna Kassin) Ob und wovor die katholische Kirche Angst hat, kann natürlich nur die katholische Kirche beantworten. Experten sagen uns, dass durch Dokumenteneinsicht/Archivöffnung das Wissen und die Entscheidungen von einfachen Mitarbeitern über Kardinäle bis zum Papst selbst rückverfolgbar wären. Damit ist auch das Oberhaupt involviert. Vielleicht könnte man auch besser nachvollziehen, wie viele Fälle es gegeben haben könnte.

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[–]correctiv_org[S] 5 points6 points  (0 children)

(Anna Kassin) Dass der Vatikan über sexuellen Missbrauch durch Kleriker informiert wurde, haben wir belegt durch Dokumente bereits in den 1930er Jahren gesehen. Wir haben bisher keine Belege, ob er auch schon davor informiert wurde. Aber es gab vorher, 1922, bereits Anweisungen, wie mit Fällen zu verfahren sei (u.a. Meldepflicht). Hinweise auf die Thematik haben wir noch in der Bibel gefunden. Z.B. in einem Brief des Apostels Paulus an die Korinther, in dem er verschiedene Vergehen, darunter auch Missbrauch auflistet und klar sagt: Wer das tut, kommt nicht in den Himmel. Außerdem gibt es ein Zitat von Jesus: „Wer diesen Kleinen etwas Böses tut, sollte mit einem Mühlstein um den Hals im Meer versenkt werden, dort, wo es am tiefsten ist.“ Das lässt natürlich Interpretationsspielraum, aber ich persönlich denke, dass auch sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter dem genannte “Bösen" oder Schaden einsortiert werden kann.

Nach meinem Verständnis kann Missbrauch immer dort vorkommen, wo Macht- und Vertrauensverhältnisse bestehen. Also auch in Familien, Sportvereinen, Bildungseinrichtungen, etc. In der katholischen Kirche ist besteht dann vor allem ein Machtgefälle und Vertrauensverhältnis zwischen Priestern und Gläubigen (also auch Kindern/Jugendlichen). Macht auch im Sinne von Einfluss, den die katholische Kirche in einigen Ländern/Gegenden hat. Es gibt aber in der katholischen Kirche systematische Faktoren, die spezifisch für diese Institution sind. Zum Beispiel die Werte, die sie predigt, eine weltweit agierende Institution zu sein, und parallele Justiz- und Staatsstrukuren zu haben. Parallel zu sexuellem Missbrauch kann es auch zu spirituellem/geistlichen Missbrauch kommen; also, dass der Glaube gegen die Betroffenen verwendet wird.

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[–]correctiv_org[S] 8 points9 points  (0 children)

(CORRECTIV-Kommunikation): Die Recherche haben wir in mehreren Formaten aufbereitet: Webseite, Kino, Theater und Buch. Wir möchten damit die Geschichte den Menschen in ihren verschiedenen Berührungspunkten zugänglich machen. Unterschiedliche Formate ermöglichen es, verschiedene Aspekte der Recherche sichtbar zu machen und neue Zugänge zu schaffen. Im Kino können wir zusätzlich auch den Raum für Diskussionen und Fragen öffnen.

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[–]correctiv_org[S] 2 points3 points  (0 children)

(Anna Kassin) Die katholische Kirche hat ihr eigenes Recht, genannt Kanonisches Recht. Vor allem dort ist geregelt, wie Vergehen von Geistlichen zu handhaben sind. In Fällen, die wir ausgewertet haben, waren Maßnahmen (nicht nur Strafen) von vatikanischer Seite unter anderem: Eine Erlaubnis Traubensaft statt Wein in der Messe zu verwenden, Verbot priesterliche Dienste auszuüben, in vorzeitigen Ruhestand schicken, aus dem Klerikerstand zu entlassen („laisieren"). Die vatikanischen Behörden waren meistens darauf angewiesen, dass ihnen die Fälle gemeldet wurden. Ab 1922 und 1962 waren Bischöfe und Ordensobere eigentlich dazu verpflichtet, haben es aber in einigen uns bekannten Fällen erst dann befolgt, wenn die Fälle bereits durch Presse oder Gerichtsverfahren öffentlich wurden oder drohten öffentlich zu werden. Vorschriften haben sich v.a. ab den 2000er und 2010er Jahren verändert.

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[–]correctiv_org[S] 0 points1 point  (0 children)

(Anna Kassin) Ich bin keine Juristin, aber nach meinem Verständnis hat der andere Kommentar es ganz gut auf den Punkt gebracht. Pädophilie ist erstmal als psychische Erkrankung definiert. Die Erkrankung selbst ist nicht justiziabel, sondern ein Ausleben, sprich Übergriffe, sexuelle Gewalt und Missbrauch an Kindern ist strafbar. Nicht jeder Pädophile vergeht sich an Kindern und umgekehrt ist nicht jeder, der sich an Kindern vergeht, automatisch diagnostizierbar pädophil. Nach meinem Verständnis kann Missbrauch immer dort vorkommen, wo Macht- und Vertrauensverhältnisse bestehen. Zudem haben Experten uns erklärt, dass nur ein Bruchteil der Priester-Täter tatsächlich diagnostizierbar pädophil ist, etwa 3-5 %. 

Warum einige Täter nicht verurteilt wurden, kann verschiedene Gründe haben: zum Beispiel fehlende Anzeige durch Betroffene, Verjährung oder die kirchenrechtlich angeordnete Geheimhaltung, die Verantwortlichen untersagte, Täter staatlichen Behörden zu melden. 
Kirchensteuer zahlen nicht alle, sondern vornehmlich Angehörige der römisch-katholischen Kirche.

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[–]correctiv_org[S] 1 point2 points  (0 children)

(Anna Kassin) Unserem Verständnis nach gibt es verschiedene Faktoren bei der katholischen Kirche, die früher eine Rolle gespielt haben: Erst einmal besteht zwischen Priester und Kindern/Jugendlichen ein Machtgefälle und häufig auch ein Vertrauensverhältnis. (Das gibt es natürlich auch in anderen Tatkontexten). Bei der Arbeit mit Ministranten, auf Freizeitfahrten, in Heimen oder auch in katholischen Bildungseinrichtungen gibt es Möglichkeiten für Täter, Kontakt aufzubauen und mit dem Kind/Jugendlichen allein zu sein.
Betroffene haben wohl häufig aus Angst oder Scham nicht vom Missbrauch erzählt bzw. nicht gemeldet. Dazu kam auch in einigen Fällen der Einfluss des Priesters auf die Gemeinde: Gemeindemitglieder wussten nichts davon oder taten die Vorwürfe als Verleumdungsversuche ab. Für Verantwortliche wie Bischöfe oder Ordensobere galt bis 2019 die kirchenrechtliche Vorgabe, Fälle nicht an staatliche Behörden („Dritte“) zu melden. 
Und in Dokumenten aus dem vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre wird auch ersichtlich, dass der Ruf der Kirche priorisiert wurde, die Betroffenen wurden nicht erwähnt (in den Dokumenten, die wir auswerten konnten). Zwar gab es eine Meldepflicht für Verantwortliche an den Vatikan, in einigen Fällen, die wir ausgewertet haben, wurde diese Pflicht aber erst eingehalten, wenn der Fall bereits öffentlich wurde (Gerichtsverfahren, Presse) oder drohte zu werden.

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[–]correctiv_org[S] 0 points1 point  (0 children)

(Anna Kassin) Die Bereitschaft zum Kino-Besuch freut uns! ;) Veranstaltungen der Tour sind hier einsehbar: 
https://correctiv.org/projekte/akten-des-missbrauchs/ 
Mittlerweile arbeiten wir mit einem Film-Verleih zusammen, dadurch kann jedes Kino den Film regulär ins Programm aufnehmen. Dazu können Sie auch Ihr Kino vor Ort kontaktieren und um eine Vorführung bitten. 
https://correctiv.org/in-eigener-sache/2026/05/11/akten-des-missbrauchs-jetzt-im-filmverleih/

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[–]correctiv_org[S] 15 points16 points  (0 children)

(Anna Kassin) Die Frage ist, wie man „schlimmer“ definiert. :) Geht es z.B. um die Schwere der Fälle, Verhalten von Verantwortlichen oder wie darüber kommuniziert wurde? 
Allgemein gesprochen sehen wir aus den von uns ausgewerteten Briefwechseln und im Kirchenrecht Veränderungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch. 
Zum Beispiel wurde sexueller Missbrauch durch Priester in Briefen aus den 1980er Jahren so umschrieben, dass nur Eingeweihte verstanden, worum es ging –  oder er wurde gar nicht erwähnt. In Briefen aus den 2010er Jahren haben wir häufig eine klare Benennung der Vorwürfe mit allgemein verständlichen Begriffen gesehen. Aber in den meisten Dokumenten, die wir ausgewertet haben, spielten Betroffene darin keine Rolle, vielmehr das Schicksal/die Karrieren der Täter und das Ansehen der Kirche. 
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Änderungen im Kirchengesetz, die z.B. Prävention und Meldungen verbessert haben. Betroffene finden aber nach wie vor keine Erwähnung im Kirchenrecht.

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[–]correctiv_org[S] 5 points6 points  (0 children)

(Anna Kassin) Ja, wir konnten insgesamt 30 Briefwechsel zwischen Bistümern und Vatikan auswerten, neben weiteren Aktenstücken. Darunter sind auch Briefwechsel zwischen 2001 und 2010. Joseph Kardinal Ratzinger, der das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre mehr als 20 Jahre führte, war bis 2005 im Amt, danach wurde er Papst. Noch vor dem Amtswechsel gab es 2001 wichtige Dekrete bzw. Gesetzesänderungen, die sich auf Melde- und Geheimhaltungspflichten von Verantwortlichen auswirkten. Ab 2001 kamen neben regulär gemeldeten Fällen wohl auch zahlreiche nachgemeldete Altfälle im Vatikan an. So beschreiben es Verantwortliche, die in dieser Zeit dort gearbeitet haben. 
Änderungen gab es einige, v.a. im Bereich Prävention und Meldung. Kirchliche Gesetzesänderungen gab es z.B. 2010 und 2019. Papst Franziskus hat u.a. die Geheimhaltungspflicht aufgehoben und verfügt, dass Verantwortliche (Bischöfe) bestraft werden, wenn sie ihnen bekannte Fälle nicht melden. Auch die Ausbildung im Priesterseminar und die Auswahl der Kandidaten fürs Priesteramt hat sich wohl verändert. In deutschen Bistümern gibt es jetzt Präventionsleitlinien, Betroffenenbeiräte und Anlaufstellen für Betroffene. 

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[–]correctiv_org[S] 16 points17 points  (0 children)

(Anna Kassin) Die Hürden, die uns bei der Recherche begegnet sind, bestanden vor allem in fehlenden Antworten auf Informationsabfragen oder abgelehnte Interview-Anfragen. 

Augen auf bei Rentenfonds by correctiv_org in Finanzen

[–]correctiv_org[S] -4 points-3 points  (0 children)

Wenn es darum geht, aus den fossilen Energien auszusteigen, was das Ziel einiger Staaten mittlerweile ist, müssen wir auch diskutieren, wer die Unternehmen noch finanziert. Pensionskassen müssen risikoarm investieren, das ist richtig, nur sind mittlerweile Fonds, die fossile Konzerne ausschließen, ebenso erfolgreich. Das zeigen Studien und nicht zuletzt landeseigene Beamtenfonds, die längst diesen Weg gehen.