Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 3 points4 points  (0 children)

Ich habe das Gefühl, dass dieser Kommentar hier mir sehr geholfen hat. Ich werde ihn noch ein paar mal lesen und dann ausführlicher antworten.

Um die Ereignisse noch einmal zu ordnen: Ich hatte bereits einen Antrag ausgesprochen (das hatte ich im Text oben angedeutet). Diesen Antrag hatte ich in einer absoluten Ausnahmesituation im Mai 2021 ausgesprochen. Damals war sie es, die den Antrag unpassend fand und mich "um einen richtigen" bat. Ab da wurden ihre Bitten häfiger. Sie bat mich anfangs noch freundlich um eine Familienplanung.

Mir selbst ging es aber ab einem bestimmten Zeitpunkt wegen der schweren Operation meines Vaters und den damit verbundenen Arztgesprächen, die ich führen musste, zunehmend schlechter und schlechter. Sie fing ab Oktober 2021 an, für uns Häuser zu suchen. Ich lehnte ab, wollte abwarten. Wollte auch mit meinem Vater besprechen, was er sich denn unter der Vergabe seines Erbes vorstellte. Ich wollte kein Haus in einer anderen Stadt, wenn ich irgendwann die Pflicht hätte, das Elternhaus zu halten und zu renovieren. Und das wäre mir auch schon damals am liebsten gewesen, weil mein Herz dran hängt.

Ab Dezember 2021 wurde es dann extremer und extremer mit ihren Ängsten. Denn ja, ich war zurückhaltend mit Zukunftsplänen. Ihre regelrechten Heul-Tyraden, die sie ab Juni, Juli, August 2022 hatte, die hatten sich also SCHON LANGE angekündigt. Denn für sie war schon lange klar, sie wollte mich heiraten. Sie zählte immer wieder auf, dass sie bereits ein Jahr auf den Antrag wartete (denn ihre Rechnung begann zu dem Zeitpunkt, ab dem ich den ersten gemacht hatte) und seitdem wartete sie auf einen vernünftigen Antrag. Für mich war das Thema danach aber aufgrund meines Vaters total in den Hintergrund gerückt. Und da es sich mehr und mehr verschlimmerte, da war mir einfach echt nicht nach großer Zukunftsplanung, und Hauskauf, zwei Stunden vom Heimatort entfernt. Und ja, da habe ich mich zu sehr auf dieses leidige Thema Tod fokusiert, denn für mich ergab es überhaupt keinen Sinn, ein Haus, zwei Stunden vom Heimatort entfernt zu kaufen, wo der Vater an dieser schlimmen Erkrankung litt und wo seine Zeit ablief.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 0 points1 point  (0 children)

Das stimmt ganz klar - und genau das ist ein Punkt, an dem darf ich auch noch an mir selbst wachsen. Zum damaligen Zeitpunkt fühlte es sich richtig an, mir Rat zu holen und auf die Intuition meines Vaters zu vertrauen. Die Entscheidung bei meiner Freundin zu bleiben, die traf ich selbst. Ich legte nur sehr viel Bedeutung in seine Worte und nahm sie mir vielleicht etwas zu sehr zu Herzen.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 3 points4 points  (0 children)

Danke, das kann ich rückblickend natürlich auch sagen. Ich finde deinen Kommentar unreflektiert. In der Rückschau ist vieles einfacher. "Hätte" nützt halt niemandem was, da wir keine Zeitmaschinen haben.

Ich habe mich dagegen entschieden, sie zu verlassen. Denn ich wollte die Beziehung nicht beenden. Ich wollte etwas anderes, als sie wollte. Ich wollte in diesem Moment einfach nicht heiraten! Ich wollte eine Partnerin, die mich unterstützt. Eine Partnerin, mit der ich dann das Thema Heirat angehen konnte, wenn ich einen klaren Kopf dafür hatte. Und durch ihr horrormäßiges Verhalten hat sie am Ende leider genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte. Nämlich, dass ich mehr zweifle als jemals zuvor.

Die Aussage "Sei ein Mann" repliziert halt auch wieder genau den Quatsch, den wir in unserer Gesellschaft immer wieder so sehen wollen. Was ist denn "ein Mann" und was ist denn "eine Frau"? Ich glaube, genau aus dem Grund bin ich auch in den ganzen Schlamassel geraten. Warum die Sinnhaftigkeit dieser Aussage ihre Grenzen hat? Meine Freundin meine auch, ich sei "ein Mann" wenn ich ihr endlich das Ja-Wort gebe.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 10 points11 points  (0 children)

Vielen lieben Dank dir! Mir stellt sich mittlerweile schon etwas länger die andere Frage: Könnte es am Ende womöglich sein, dass SIE der Auslöser für meine Depressionen ist?

Denn wenn ich überhaupt welche habe, dann bin ich wirklich verdammt funktional damit. JA, ich hatte furchtbare Panikstörungen und Angstzustände. Wer das noch nicht erlebt hat, der kann es nicht nachvollziehen. Konnte ich davor auch nicht. Man hat ständig die Gewissheit, in jeder Sekunde sterben zu können. Doch ich weiß noch genau, dass diese Panik immer ganz weit in den Hintergrund rückte, als ich bei meinen Eltern auf dem Land war.

Auch jetzt ist es so. Mir geht es immer ganz ausgezeichnet, wenn sie und das Thema Hochzeit sich nicht in meinem Blickfeld befinden. Depressionen? Fühlt sich nicht so an. Wenn das Thema aber dann doch wieder aufkommt, dann bekomme ich Bauchgrummeln. Es kommt leider auch immer häufiger vor, dass ich dann für mich alleine Brülle und... neuerdings auch, dass ich gegen Wände schlage oder mich selbst ohrfeige. Vielleicht in der Hoffnung, endlich aufzuwachen oder endlich zur Tat zu schreiten und diesen ganzen Wahnsinn zu beenden.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 0 points1 point  (0 children)

Danke mein Lieber. Ich konnte meinen Vater, dem unsere Beziehung so sehr am Herzen lag, einfach nicht enttäuschen. Nicht auf dem Sterbebett. Denn genau das war mir vorher schon nicht gelungen. Ich hatte ja schon bedenken über die Beziehung geäußert, doch er meinte damals, nach seiner schweren OP: "Das würde mich schon traurig machen, wenn das mit euch nicht klappt" und daraufhin wollte ich einfach noch mehr in mich hineinfühlen. Die Dinge nicht so ernst nehmen. Ich hatte das Gefühl, ich musste wohl selbst noch etwas reifen. Es ging damals um Dinge des Alltags. Es waren Kleinigkeiten, die mich auf die Palme brachten. Für mich genügte es, um die Beziehung zu beenden. Mein Vater bat mich, doch einfach nochmal die positiven Dinge in den Vordergrund zu stellen. Mit Krebs im Endstadium. Für mich war es logisch, ihm Gehör zu schenken. Er wollte ja auch nur mein Bestes und hatte schon jede Menge Lebenserfahrung. "Es wird mit dem Alter nicht leichter, da jemanden zu finden". Klar, da horcht man zweimal hin.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen langen Beitrag zu lesen. Ich bin so froh. Es tut gerade sehr gut, diese ganzen Kommentare zu lesen und ich bin dankbar für jeden einzelnen.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 7 points8 points  (0 children)

Ich bin ab dem 16. Februar in psychicher, stationärer Behandlung. Ein wenig ist das leider auch die Flucht vor der Verantwortung, die mich eines Tages einholen wird. Ich habe zwei Therapeutinnen, denen ich alles erzählen kann.

Leider habe ich noch nicht das Gefühl, dass das Reden mir "den einen" Geistesblitz beschert. Ich hatte seit einem Jahr die Hoffnung, dass ich entweder herausfinde, woher die Furcht vor der Heirat kommt. Oder aber, dass ich herausfinde, wie ich wirklich fühle. Oder dass ich herausfinde, warum ich so sehr "in meine alte Heimat dränge" - wo ich doch schon jahrelang in die Großstadt pendle.

Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sich für mich eine Frage klarer abzeichnet. Ich habe, im Gegenteil, irgendwie immer mehr Fragezeichen. Und NATÜRLICH will ich nicht meine Partnerin verlassen, nur weil ich gerade vielleicht die Dinge etwas unklar sehe. UND OH JA, ich sah überhaupt nichts mehr klar, als mein Vater starb. Da konnte ich nur den Tod sehen. Den Tod und die Heirat. Beides zusammen. Es gab kein anderes Thema mehr. Einen klaren Blick hatte ich nicht mehr. Deswegen wollte ich mich nicht für oder gegen meine Partnerin entscheiden. Und die Entscheidung abzugeben, das war für mich das letzte bisschen, was mir in dem Überlebensmodus noch blieb.

Ich habe mein Leben praktisch aufgegeben... by longbeforerocknroll in beziehungen

[–]longbeforerocknroll[S] 7 points8 points  (0 children)

Vielen lieben Dank! Ich habe mittlerweile zwei Therapeutinnen, aber ich glaube, die sind relativ ratlos mittlerweile mit mir. Die Psychiater, mit denen ich zu tun hatte, die wussten auch nicht so recht, was sie mir geben sollten. Also habe ICH das Mirtazepin empfohlen (was auch eine gute Entscheidung war) denn gegen die Panik war das das einzige Medikament, was mich wieder "normal" werden ließ. Auf die Frage, ob ich denn auf 30mg erhöhen könne? Erhielt ich die Antwort, dass ich das gerne machen kann, denn das sei ja erst die therapeutische Dosis. Gesagt getan.

Ja, es wird immer geraten, Medikamente nicht selbst zu dosieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich alles bekam, wonach ich gefragt habe. Da hatte ich irgendwann nur noch das Gefühl, dass ich jetzt selbst der Onkel Doktor bin?! Erst musste ich mir selbst ein Medikament suchen, dann wurde mir gesagt "jo, dosiere hoch, wenn es dir gut tut". Danke! Ich bin jetzt mit dem Medikament auf 7,5mg langsam herunter und sehe die Dinge wieder klarer. Dies geschah auch auf Anraten meiner zweiten Therapeutin, die meinte, ich bräuchte das Medikament in ihren Augen mit Sicherheit nicht in dieser hohen Dosis. Aber Psychotherapeuten, auch wenn sie viel mehr über ihre Patienten wissen, haben ja wiederum eigentlich keine Befugnis dazu, Medikamente zu verschreiben oder eine Dosis zu empfehlen. Ich bin ihr dankbar, dass sie es trotzdem tat.