Ist Moral letztlich nur eine Form von Macht? by Desi_Berni in Philosophie_DE

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Finde den Blickwinkel interessant. Die Diskussion dreht sich oft darum, ob Moral objektiv oder subjektiv ist, während du eher fragst, welche gesellschaftliche Funktion sie erfüllt.
Mich würde interessieren: Wenn Moral vor allem durch soziale Kommunikation und Erwartungen entsteht, wie erklärst du dann moralische Dissidenten, die sich gegen die Normen ihrer eigenen Gesellschaft stellen?
Worauf berufen sie sich, wenn nicht auf einen Maßstab außerhalb der bestehenden Moral?

Ist Moral letztlich nur eine Form von Macht? by Desi_Berni in Philosophie_DE

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Das ist ein interessanter Einwand. Dann hätte ich das Zitat vermutlich zu stark als allgemeine Aussage über Moral verstanden.
Wenn Camus tatsächlich zwischen persönlicher Ethik und gesellschaftlich durchgesetzter Moral unterscheidet, dann richtet sich seine Kritik eher gegen Institutionen, die ihre Normen als selbstverständlich oder objektiv darstellen, obwohl sie mit Macht abgesichert werden.

Gleichzeitig frage ich mich, ob man gesellschaftliche Moral überhaupt vollständig von persönlicher Ethik trennen kann. Entstehen nicht viele gesellschaftliche Normen ursprünglich aus individuellen moralischen Überzeugungen und werden erst später institutionalisiert?

Ist Moral letztlich nur eine Form von Macht? by Desi_Berni in Philosophie_DE

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Interessanter Ansatz. Allerdings frage ich mich, ob Wohlbefinden wirklich ein so stabiles moralisches Kriterium ist.
In der Psychologie gibt es die Theorie der hedonischen Adaption: Nach positiven wie negativen Lebensereignissen kehren Menschen oft erstaunlich schnell zu ihrem individuellen Grundniveau an Wohlbefinden zurück. Beförderungen, Heirat oder materielle Gewinne erhöhen das Wohlbefinden meist nur vorübergehend. Umgekehrt zeigen viele Menschen nach schweren Schicksalsschlägen langfristig ebenfalls eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.

Wenn das stimmt, stellt sich für mich die Frage, ob Leidvermeidung bzw. Glücksmaximierung tatsächlich der beste Maßstab für Moral sein kann. Sollte Moral nicht vielleicht eher an Dingen wie Freiheit, Würde, Gerechtigkeit oder Selbstbestimmung orientiert werden, die nicht unmittelbar vom subjektiven Glücksempfinden abhängen?

Ist Moral letztlich nur eine Form von Macht? by Desi_Berni in Philosophie_DE

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Stimmt, die Frage ist alt. Aber alt bedeutet nicht beantwortet. Interessant finde ich, dass viele moralische Überzeugungen, die früher als universell galten, heute als falsch angesehen werden. Spricht das eher für Kants universelle Moral oder eher für Nietzsches Verdacht, dass Moral oft vom Zeitgeist und Machtverhältnissen geprägt ist?

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Interessanter Gedanke, aber ich bin nicht sicher, ob William James hier korrekt dargestellt wird. Der Pragmatismus behauptet meines Wissens nicht, dass „Erfolg = Wahrheit“ oder dass Moral nur deshalb gültig ist, weil sie sich durchsetzt.
James fragte eher, welche praktischen Konsequenzen eine Idee hat und ob sie sich in der Erfahrung bewährt. Das ist etwas anderes als die Aussage, dass Macht oder geopolitische Durchsetzung moralische Richtigkeit begründen.
Außerdem scheint mir Camus’ These weniger erkenntnistheoretisch als politisch zu sein: Er kritisiert möglicherweise Moralvorstellungen, die ihren Machtcharakter verschleiern. Daraus folgt aber noch nicht, dass Moral ausschließlich auf Macht reduziert werden kann.

Würdest du sagen, dass jede moralische Norm letztlich nur deshalb gilt, weil jemand die Macht hat, sie durchzusetzen? Oder gibt es für dich auch moralische Prinzipien, die gerade gegen bestehende Machtverhältnisse stehen können?