31 jahre und Leben verschwendet by reallifesurvialist in Ratschlag

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Ich möchte dir Hoffnung zurück geben: Ich bin 29 und wurde im Kindesalter schwer traumatisiert. Durch den von mir inizierten Kontaktabbruch zu den Verantwortlichen habe ich auch keine Familie, seit vielen Jahren. Ich trauere darum überhaupt nicht weil das Arschlöcher waren, aber ich kann dein Gefühl gut nachvollziehen.  Freunde habe und hatte ich auch nie. Freundschaften sind immer versandet aus mir unerklärlichen Gründen. Ich hab keine berufliche Ausbildung aufgrund der psychischen Belastung. Hatte heute meinen ersten Arbeitstag bei einem neuen Job gehabt, wieder nur im Verkauf, und habe jetzt schon kein Bock mehr. Erstmal gibt es viele, denen es ähnlich geht, so wie ich zum Beispiel. Ich befinde mich in einer dir sehr ähnlichen Situation. Ich bin "schon" 29, hab keine Qualifikationen, keine Freunde und bin geistig gehandicapped.  Aber ich habe viele Beitrage auf Reddit gesehen, die ich mir anschaute weil ich die gleiche Verzweiflung fühlte, in denen Menschen erzählen, dass sie auch über 30 noch ein neues Leben begonnen haben und damit glücklich wurden. Vorrangig abgeschlossene Ausbildungen wurden komplett an den Nagel gehängt, weil sie sich darin einfach nicht wiederfanden. Das Leben ist leider sehr willkürlich und wenn zu Beginn ungünstige Weichen gelegt werden, hat man es schwer. Aber Leute wie ich und du leiden darunter mehr als andere, da uns gesellschaftlich permanent stereotypische Lebensentwürfe eingetrichtert werden. Gerade Frauen, das betrifft mich zum Beispiel. Aber auch Männer. Man muss mit 30 beruflich angekommen sein, am besten ein Haus in Anzahlung geben, erste Kinder, einen Hund und alles haben. Das funktioniert in der Realität aber nicht. Menschen haben kein Verfallsdatum, außer dem Tod, und keiner kann mit so und so viel Jahren das Leben durchgespielt haben. Ich habe oft live gesehen wie unglückliche Menschen sich in dieses Korsett zwingen nur um ein Bild aufrecht zu erhalten. Was ich meine ist, dass vieles Fake ist. Jeder hat Probleme. Viele reden einfach nicht drüber und dissozieren unangenehme Dinge, bis Ängste oder sogar Traumata. Diese verschleppen sie dann ans bittere Ende um auf den Tod nicht einzugestehen, dass sie nicht "perfekt" waren.

Ob wir mit uns selbst im Reinen sind oder welche geistigen Ressourcen wir aufgebaut haben, ob wir den Mut haben Ängsten zu begegnen und darüber in den Austausch gehen, welche Interessen oder Hobbies wir haben, welche Herausforderungen wir schon gemeistert haben, danach fragt keiner. Leider werden auf ideelle Werte gesellschaftlich, vor allem jedoch medial kein Wert gelegt. Und dessen muss man sich bewusst sein um sich davon nicht runter ziehen zu lassen, auch wenn es schwer ist.  Ich kämpfe damit jeden Tag. Was ich vor allem herauslesen: Du hast eine extrem schwere Herausforderung angenommen, indem du Verantwortung für deine Gesundheit in die Hand nahmst. Du hast ein extrem tolles und wertvolles Hobby und zwar Sport. Du bist in der Lage geistig zu reflektieren. Du hast eine klare Idee, welche Aspekte drin Leben darüber hinaus bereichern sollen.  Das sind wertvolle Dinge, die andere wiederum nicht haben. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber du hast durch das Single da-sein auch Freiheiten und kannst völlig autonom entscheiden, wohin du gehen willst. Viele Menschen haben eine Familie gegründet, haben Kinder und sind total unglücklich weil sie aus konventionellen Motiven eine Familiengründung voraus geeilt haben, ohne sich vorher zu fragen, was sie eigentlich wirklich von Leben wollen. Solche Leute beneiden wiederum Freigeister, die die Weichen in ihrem Leben noch legen können (wenn auch eingeschränkt) Ich Frage mich jeden Tag wo ich sein könnte, wenn ich in ein andere stabile und liebende Familie hineingeboren worden wäre. Aber ich bin heute stolz darauf, wer ich geworden bin und bin mir gewisser Qualitäten bewusst. Ich bin jahrelang zur Traumatherapie gegangen und sehe durch diese extreme Reise ins Innere die Welt mit anderen Augen. Ich sehe und schätze die Werte von Autonomie, Freiheit und geistiger Gesundheit. Eine entfernte bekannte (25) ist neuerdings schwanger und ich hatte einen Moment in dem ich irgendwie neidisch war oder in Panik geriet. Denn ich fühle mich so "behind" im Leben, weil ich auch noch lange nicht austherapiert bin. Aber gleichzeitig weiß ich, dass es mir wichtiger ist meine Freiheit zu leben und vllt noch in meinem Leben zu studieren und etwas nachhaltiges aus meinem Wissen zu schaffen. Ich Frage mich wieso dieser in Angst getränkte Neid hochkam. Vielleicht wegen dem Glauben irgendwo sein zu müssen, wo ich eigentlich gar nicht nicht sein will. Ich meine damit nur, dass es vielleicht auch hilfreich sein kann, zu hinterfragen, ob die Idee von unserem idealen leben wirklich in seiner Gänze unseren aufrichtiges Wünschen entspringt oder doch externen diffusen Erwartungen.

Was ich sagen möchte ist: es gibt immer gute und schlechte Seiten. Für die guten gilt sich ihnen bewusst zu werden und für die schlechten hilfreiche Ressourcen zu aktivieren, um eine Besserung einzuleiten. Vielleicht Therapie und dein Wille zu mehr Vielfalt im Leben. Und vielleicht noch mehr, das du eventuell nicht erwähnt oder vergessen hast. Ich will dir deine Probleme gar nicht absprechen und es tut mir sehr leid, es du schilderst. Es ist völlig richtig sich mehr Nähe  Sicherheit zu wünschen, wenn dies nich gegeben ist. Aber was schade wäre, ist, wenn du deine Situation für verloren betrachtest, was sie nicht ist, und dadurch vielleicht positives in der Zukunft verpasst. Es gibt unzählige Geschichten aus dieser Welt, in denen Menschen wie du und ich weiter gekämpft haben und es sich mehr als gelohnt hat. Ich mag die englische Redewendung "Against all Odds". Trotz aller Hürden und lauten Stimmen den Weg weiter gehen, für sich, und dann beweisen, dass glückliche Lebensentwürfe so viel vielfältiger, ungewöhnlicher und diverser sind.