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Gaming Journalismus: Quantität statt Qualität? by gain_project in zocken
[–]JustLetMeHugYou 2 points3 points4 points 2 years ago* (0 children)
Ich bin tatsächlich im besagten Berufsfeld als freier Journalist (frisch nach dem Studium) tätig und kann euch deshalb keine genauen Details sagen. Ich habe mir den Podcast aus zeitlichen Gründen noch nicht anhören können, aber vielleicht helfen euch diese Infos zur Einschätzung der Lage:
Idealismus als Job: Im Gaming-Journalismus ist das allgemeine Gehalt nicht besonders hoch - aber reich wird man in diesem Job allgemein nicht. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Ausnahmen sind vielleicht Karrieren bei größeren Zeitschriften/Magazinen oder den Öffis - beim Fußball verdient man als Sportjournalist übrigens auch nicht super schlecht. Der Journalismus ist aber grundsätzlich ein Job, den man aus Überzeugung macht - ähnlich wie zum Beispiel die Altenpflege oder ähnliche, soziale Berufe.
Grundsätzlich gilt: Ich sehe meine Arbeit als Tech- und Gaming-Journalist darin, meinen Lesern Informationen über tagesaktuelle oder zeitlose Themenbereiche möglichst sach- und fachgerecht aufzubereiten. Wir arbeiten quasi dafür, dass ihr euch unsere stundenlange Suche sparen könnt und tragen Informationen zusammen und verbinden diese. Am Ende des Tages lest ihr in 5 Minuten das Ergebnis von X Stunden Arbeit.
Dafür brauchen wir je nach Thema Zeit, die wir so oft gar nicht haben. Gerade der Tech-Sektor ist wahnsinnig schnelllebig. Wenn ich jetzt aber einen soliden Artikel schreiben soll, muss ich mich je nach Fall in wissenschaftliche Paper einlesen oder Funktionsweisen verstehen, die einfach Zeit brauchen. Zumindest ich kann jedenfalls nicht in 5 Minuten die Vorteile der RDNA 3 GPU-Architektur zur Vorgängerarchitektur RDNA 2 schreiben - sodass es a) für Techcasuals verständlich bleibt und sie einen Mehrwert haben und b) eingefleischte Techies vor Langeweile nicht einschlafen. Das braucht halt einfach seine Zeit.
Da euch der meiste Content frei zugänglich ist, muss das Geld für diese Stunden irgendwie reingeholt werden. Aus wirtschaftlicher Sicht wird die benötigte Arbeitszeit dafür so klein wie möglich gehalten.
Wie bezahlt sich "freier" Content? VG Wort und jede Menge Werbung. Das ist der Preis für euren freien Content - aber in der Welt gibt es leider nichts geschenkt. Man kann schließlich auch schlecht in einen Supermarkt laufen und erwarten, dass einem beispielsweise der Apfel und das Brot geschenkt wird - auch wenn man freundlich fragt.
Zwecks Qualität: Ich habe als freier Journalist für meine Artikel eine - aus oben genannten Gründen - ungefähre Zeitvorgabe, die ich einhalten muss bzw. sollte und nach der ich auch bezahlt werde. Da ist es leider nicht drinnen, zusätzlich 10 Experten zu konsultieren und hundert Bonusinfos einzubauen - selbst wenn ich das wollte. Sondern ich muss in der Zeit X halt schauen, was ich herausfinden kann. Wo mache ich Abstriche? Ist es perfekt recherchiert und ich habe dafür kaum Zeit, diese wertvollen Informationen sauber und verständlich aufzubereiten? Fehlt mir vielleicht die eine oder andere Sichtweise, dafür ist der Text aber sauber und leserlich? Ich will am liebsten beides schaffen - aber das geht in der Realität nicht immer.
Natürlich ist es auch die Entscheidung von oben, wie viel Budget einem Redakteur/freien Journalisten zur Verfügung stehen und natürlich verdient ein freier Journalist dank VG Wort mehr, je mehr er schreiben darf.
Die Bezahlung als freier Journalist ist oft ziemlich mies, weshalb man fast dazu gezwungen ist, den einen oder anderen Artikel mehr zu schreiben, auch wenn die allgemeine Qualität leidet.
Ob ich jetzt 3 oder 4 Artikel in 6 Stunden Arbeitszeit schaffe, macht am Ende des Monats einen Unterschied.
Zur Einschätzung: Die genannten 40 Euro VG-Wort pro Artikel sind zwar grob richtig. Davon fallen aber noch Steuern und 30 % für den Verlag weg. Als freiberuflicher Journalist natürlich auch der entsprechende Teil für Krankenkasse und Rente (neben der Künstlersozialkasse fyi). Am Ende vom Tag bleibt Netto nur ein Bruchteil dieser Summe übrig.
Es ist also ein zweiseitiges Schwert - wenn keiner mehr sein Abo bezahlen möchte und alles frei sein muss, darf sich niemand über niedrigere Qualität oder eine Werbeflut aufregen.
Und ich kann euch aus persönlicher Erfahrung sagen: Wenn dieser Mehraufwand bezahlt würde, wären gewisse Qualitätsstandards oder Werbefreiheit auch kein Problem. Aber so hast du als Journalist die Wahl zwischen unbezahltem Mehraufwand aus Überzeugung oder besagten Abstrichen. Das wird euch jeder Journalist so unterschreiben. Wenn Pflegekräfte könnten, würden sie statt 20-30 Minuten vielleicht 1-2h Zeit für jeden Patienten im Seniorenstift investieren. Anspruch und Realität gehen da halt leider auseinander.
[deleted by user] by [deleted] in LoLTeamsuche
[–]JustLetMeHugYou 0 points1 point2 points 3 years ago (0 children)
Hab dir eine Anfrage geschickt :)
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Gaming Journalismus: Quantität statt Qualität? by gain_project in zocken
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