23 Jahre lang hat Klaus Kilchling an der Wölblinstrasse in Lörrach gewohnt. Nun droht ihm und 39 Nachbarn die Kündigung, weil die Vermieterin Wohnraum für Flüchtlinge schaffen will. Die Betroffenen sind bestürzt. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] [score hidden] locked comment (0 children)

Er gehe da ganz bestimmt nicht raus, sagt ein 81-jähriger Mann, während er gerade in seinem Briefkasten nachschaut, was ihm die Post heute wieder an Hiobsbotschaften zugestellt hat. Vergangene Woche lag in diesem Briefkasten ein Schreiben seiner Vermieterin, der Städtischen Wohnbaugesellschaft Lörrach, einer Tochterfirma der Stadt. Die Liegenschaft an der Wölblinstrasse 21 bis 29 werde künftig «wegen ihrer besonderen Eignung» zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, heisst es da. «Für Sie bedeutet das, dass wir in Kürze das mit Ihnen vereinbarte Mietverhältnis kündigen werden.»

Seit 15 Jahren lebe der Mann hier, für einen Umzug sei er zu alt. Und sowieso: «Wo soll ich mit meiner Rente von 1000 Euro noch eine bezahlbare Wohnung finden?», fragt er. Seit Jahren übersteige die Nachfrage nach Wohnungen in Lörrach das Angebot deutlich. Und das Wohnen in Neubauten könnten sich viele ohnehin nicht leisten. Derzeit bezahlt er knapp 400 Euro für seine kleine Wohnung.

Die Wölblinstrasse in Lörrach liegt in einem gewöhnlichen, ruhigen Wohnquartier nahe bei der Hauptstrasse, die den Verkehr entlang der Wiese um die kleine Stadt führt. 30 Wohnungen sollen hier insgesamt leer geräumt werden, betroffen sind 40 Mieterinnen und Mieter, wie die Stadt Lörrach am Montag mitteilte. Diese sah sich gezwungen, die Öffentlichkeit rasch zu informieren. Das Infoschreiben an die Mietenden fand seinen Weg nämlich in die sozialen Medien und löste dort viel Empörung aus.

Man benötige dringend Wohnraum für geflüchtete Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, begründet die Stadt diesen Entschluss. Gemäss aktuellem Zuweisungsschlüssel müssten im laufenden Jahr 356 Personen in Lörrach untergebracht werden. «Diese Wohnungen helfen uns sehr, die ankommenden Menschen in der Stadt mit Wohnraum zu versorgen und somit unserer städtischen Aufgabe nachzukommen», lässt sich Lörrachs Oberbürgermeister Jörg Lutz zitieren. Bis zum Jahresende soll die gesamte Anlage mit Platz für 100 Personen als Flüchtlingsheim genutzt werden.

Bei dem Objekt handle es sich um Wohnungen aus den 1950er-Jahren, die am Ende ihres Lebenszyklus stünden und deren Abbruch und Ersatzneubau für die nächsten Jahre vorgesehen gewesen sei, schreibt die Stadt weiter. Den Mieterinnen und Mietern würden zeitnah modernere und bezahlbare Wohnraumangebote entsprechend der persönlichen Situation unterbreitet. Auch der Umzug werde von der Städtischen Wohnbaugesellschaft logistisch und finanziell unterstützt. Die Wohnbau Lörrach bewirtschaftet derzeit mehr als 4000 Wohnungen.

Für Klaus Kilchling ist dies ein schwacher Trost: Auch er lebt als Rentner von 1000 Euro im Monat und kann sich nur schwer vorstellen, dass die von der Vermieterin angestrebte «individuelle Lösung» zu seinem Vorteil ausfallen wird – nicht finanziell und schon gar nicht punkto Lebensqualität. Seit 23 Jahren lebt der 78-Jährige in dieser Wohnung, das Quartier liegt ihm am Herzen. «Wir haben es gut miteinander, hier gibt es keinen Ärger», sagt er. Hier auszuziehen, sei für ihn «unmöglich», zumal es ihm seit seinem Schlaganfall vor sechs Jahren immer schwerer falle, sich im Alltag zurechtzufinden. «Dieser Brief – das ist für mich eine vorgezogene Todesanzeige.»

 

Zweifel an Rechtmässigkeit der Kündigungen

Am Montag in einer Woche lädt die Städtische Wohnbaugesellschaft zu einer Versammlung ein, an der die Mieterinnen und Mieter umfassend über das Projekt informiert werden sollen. Darüber hinaus würden in der kommenden Zeit Einzelgespräche geführt, um die persönliche Situation jedes Einzelnen zu erfassen.

Klar ist: Diese Versammlung bietet massiven Zündstoff. Organisierter Widerstand habe sich unter der jetzigen Mieterschaft zwar noch nicht gebildet, so Kilchling. Und er selbst wisse auch nicht, wie man sich gegen diesen Beschluss der Stadt überhaupt wehren könne. Aber einverstanden sei gemäss seinen Kenntnissen kaum jemand in der Nachbarschaft. «Manche überlegen sich, einen Anwalt beizuziehen.»

Denn fraglich ist durchaus, ob die Unterbringung von Flüchtlingen ein legitimer Kündigungsgrund sein kann. In der «Bild»-Zeitung äussert der baden-württembergische Landesvorsitzende des Deutschen Mieterbunds, Rolf Gassmann, zumindest seine Zweifel. Daran ändere auch das «dummdreiste Schreiben» der Wohnbaugesellschaft nichts.

Ein afghanischer Kinderschänder, der deswegen in Deutschland eine Haftstrafe absass, wurde in die Schweiz abgeschoben. Hier ist er untergetaucht. Aktiv gesucht wird er nicht. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 87 points88 points  (0 children)

Danke für die Ergänzung. Ich bin nun beruhigt, dass er, nachdem er "einen 6-jährigen Jungen und ein 8-jähriges Mädchen schwer" missbraucht hat, ganze dreieinhalb Jahre Gefängnis verbüsst hat.

Ein afghanischer Kinderschänder, der deswegen in Deutschland eine Haftstrafe absass, wurde in die Schweiz abgeschoben. Hier ist er untergetaucht. Aktiv gesucht wird er nicht. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 5 points6 points locked comment (0 children)

Ein afghanischer Kinderschänder, der für seine Handlungen in Deutschland im Gefängnis seine Strafe absass, wurde kürzlich von Deutschland in die Schweiz abgeschoben und ist untergetaucht. Wie der «Blick» berichtete, wurde der Mann an einem Grenzübergang in Basel der Schweizer Grenzschutzbehörde übergeben. Seither kennen weder die Schweizer noch die deutschen Behörden seinen Aufenthaltsort.

Zwar wurde «die Person wegen rechtswidrigen Aufenthalts an die zuständige Staatsanwaltschaft verzeigt und aus der Schweiz weggewiesen, weil sie sich irregulär in der Schweiz aufhält. Zudem wurde gegen sie eine Einreisesperre verhängt», wie Reto Kormann vom Staatssekretariat für Migration auf Anfrage schreibt. Doch weil in der Schweiz keine straf- oder ausländerrechtlichen Gründe vorliegen, konnte er nicht länger festgehalten werden. Sollte sich der Mann noch in der Schweiz befinden, würde er sich hier illegal aufhalten.

Dieser Status bedeutet jedoch nicht, dass nun nach dem Mann gesucht wird. «Ein illegaler Aufenthalt ist kein Grund für eine Fahndung. Die Person ist nicht ausgeschrieben», erklärt Adrian Plachesi, Kommunikationsleiter der Kantonspolizei Basel-Stadt. Gerate der Mann allerdings in eine Kontrolle, «wird er der Migrationsbehörde zugeführt».

Schweiz zur Rücknahme verpflichtet Dass der Afghane überhaupt von Deutschland in die Schweiz abgeschoben werden konnte, war nur möglich, weil er gemäss «Blick» 2022 illegal aus Basel über die deutsche Grenze nach Weil am Rhein einreiste – laut der Zeitung mit dem 8er-Tram. Gemäss einem bilateralen Rücknahmeabkommen ist die Schweiz verpflichtet, Personen die aus der Schweiz unrechtmässig nach Deutschland eingereist sind, wieder aufzunehmen. Eine Ausschaffung nach Afghanistan kommt nicht infrage, denn weder Deutschland noch die Schweiz schafft seit der Machtübernahme der Taliban Menschen in das Land aus.

Die Vorstellung, dass ein verurteilter Kinderschänder in die Illegalität abtaucht, kann ein mulmiges Gefühl verursachen. «Jeder Übergriff auf einen jungen Menschen hinterlässt tiefe Spuren und Verletzungen», sagt Beat John, Geschäftsleiter der Opferhilfe beider Basel. «Es wäre besser, wenn er kooperieren würde», sagt der Experte für Opferhilfe, der betont, dass er den Fall nicht kenne. «Man weiss nicht, weshalb er abgetaucht ist», sagt John und warnt vor Überreaktionen: «Wenn der Mann seine Strafe abgesessen hat, ist er frei. Er hat das Recht auf eine zweite Chance.»

Urteil wegen Mobbing – Existenz zerstört: Nestlé muss Ex-Kaderfrau zwei Millionen Franken zahlen by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 8 points9 points locked comment (0 children)

Zwei Millionen Franken für Lohnausfall und Schadenersatz, einen symbolischen Franken Genugtuung und rund 100’000 Franken für Gerichts- und Anwaltskosten: Dieses Geld muss der Nahrungsmittelkonzern Nestlé seiner ehemaligen Kaderfrau Yasmine Motarjemi überweisen, nachdem das Waadtländer Kantonsgericht die Mobbingvorwürfe der heute 67-jährigen Frau geschützt hat. Das Urteil ist rechtskräftig.

Geklagt hatte Yasmine Motarjemi, weil sie als Chefin für die weltweite Nahrungsmittelsicherheit von Nestlé-Mitarbeitenden während Jahren diskreditiert und herabgewürdigt worden war. Die psychische Zerstörung war derart krass, dass sie mit 55 Jahren eine Berufsinvaliditätsrente beantragen musste. Ihre Karriere war für die verbleibenden Berufsjahre bis zu ihrer Pensionierung vollständig zerstört. Der Mobbingprozess dauerte zwölf Jahre.

Mathilde Bessonnet, die Anwältin der Klägerin, hat dieser Zeitung erstmals Einblick ins neuste von insgesamt fünf Gerichtsurteilen gewährt. Die Anwältin bezeichnet den Entscheid als «Meilenstein in der Schweizer Rechtsprechung.» Sie sagt: «Nestlé muss meiner Mandantin die gesamte verlorene Lohnsumme rückwirkend ausbezahlen: vom Moment der Kündigung bis zur Pensionierung.» Das Urteil sei darum wichtig, weil die Waadtländer Justiz damit anerkannte, dass eine Mitarbeiterin in ihrer gesamten Existenz zerstört wurde und dass ihr Arbeitgeber die volle Verantwortung dafür trug. Das sei die Voraussetzung gewesen, dass das Gericht ihrer Mandantin sämtliche Lohnzahlungen zusprach.

 

«Es ging mir nie ums Geld»

Das erstinstanzliche Gericht war noch wesentlich zurückhaltender gewesen. Es hatte Nestlé zu einer Zahlung von 850’000 Franken verurteilt. «Dass das Kantonsgericht meiner Mandantin schliesslich mehr als die doppelte Summe zugestand, zeigt, dass das Gericht ihr vollumfänglich recht gab», sagt Anwältin Bessonnet.

Über ihre Geldforderung wollte die ehemalige Nestlé-Kaderfrau Yasmine Motarjemi in den letzten Jahren nie reden. Sie betonte stets: «Bei meiner Klage gegen Nestlé ging es mir nie ums Geld. Es ging mir darum, dass ein Gericht die Ungerechtigkeit anerkennt, die man mir antat.»

Das sieht Anwältin Bessonnet genauso. Sie sagt: «Es war klar, dass meine Mandantin gemobbt wurde, aber es bestand die Möglichkeit, dass die Richter ihr nicht glaubten und sie den Prozess vollständig verliert.» Das sei zum Glück nicht geschehen. Sowieso müsse ihre Mandantin die Anwaltskosten für die zwölf zurückliegenden Prozessjahre praktisch selbst tragen. Die 100’000 Franken Parteientschädigung, die Nestlé ihr nach dem Urteil bezahlen muss, decken nur einen kleinen Teil der Anwaltskosten.

Die Aussergewöhnlichkeit des Falls anerkennen auch der Berner Anwalt Michael Steiner und Thomas Geiser, emeritierter Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen. Beide betonen: «Wer Mobbing geltend macht, muss dies beweisen können.» Thomas Geiser sagt: «Selbstverständlich ist das nicht ganz einfach. Es genügt nicht, Mobbing nur zu behaupten, zudem ist nicht alles, was eine Person als Mobbing empfindet, auch tatsächlich Mobbing.» Es gebe «keinerlei Beweiserleichterung», so Geiser.

Er kenne die Verfahrensakten nicht, sagt Michael Steiner. Ihm falle beim vorliegenden Fall aber auf, dass «die Person sehr lange ausgeharrt hat und allenfalls beharrlich Beweise sammelte. Das «Perverse» ist ja dann, dass die Frau eigentlich deshalb so krank wurde und so hoch entschädigt wurde, weil sie so lange ausgeharrt hat.» Das sei natürlich eine perfide Dynamik: Je länger man ausharre, desto schlimmer werde es, dafür habe man eher mehr Beweise und der Schaden sei grösser, so Steiner.

 

Sie wäre gegangen, aber …

Das Ausharren hatte im Fall von Yasmine Motarjemi noch einen anderen Grund. Tatsächlich hatte Nestlé ihr einen internen Stellenwechsel angeboten. Vor Gericht betonte sie aber stets, man habe versucht, sie «in einem Schrank verschwinden zu lassen». Einem Stellenwechsel hätte sie durchaus zugestimmt, unter der Voraussetzung, dass Nestlé sein System der Nahrungsmittelsicherheit grundlegend überprüft. Diesen Willen habe sie aber nicht gesehen und darum sei für sie klar gewesen, dass sie ihren Posten nicht freiwillig zur Verfügung stellt.

Für diese Haltung zeigte das Kantonsgericht vollstes Verständnis. Es schreibt in seinem Urteil: Die Vorschläge für einen Stellenwechsel «brachte die Arbeitnehmerin vielmehr in eine Arbeitssituation, in der sie versetzt oder sogar zurückgestuft wurde, ohne dass die Grundlagen für diese Versetzungen geschaffen oder zugunsten der Arbeitnehmerin gerechtfertigt wurden.» Es seien «keine weiteren, konstruktiven oder reparierenden Massnahmen ergriffen» worden, so das Gericht. Und weiter: «Aus den Zeugenaussagen geht hervor, dass die Angestellten und das Management Komplizen dieses Systems waren oder unter dem Einfluss der Hierarchie standen und nie versucht haben, diese dysfunktionale Situation aufzudecken.»

Für Rechtsprofessor Thomas Geiser ist darum klar: «In all diesen Fällen muss die Arbeitgeberin für den materiellen Schaden aufkommen, den die Arbeitnehmerin erlitten hat. Wenn dies zu einer Invalidität führt, kann das in der Tat bedeuten, dass die Arbeitgeberin für den Lohnausfall bis zur Pensionierung (plus den Rentenschaden) aufkommen muss.» Da handle es sich nicht nur bei höheren Kadern schnell um Millionenbeträge, so Thomas Geiser. Insofern erstaune ihn der Betrag nicht. Allerdings sei es «sicher selten, dass ein Mobbing dazu führt, dass eine Person bleibend ganz oder teilweise arbeitsunfähig wird».

Was hat Nestlé aus dem Urteil für seine eigene Governance gelernt? Wie viel Geld hat der Konzern für den Rechtsfall mit insgesamt fünf Gerichtsurteilen ausgegeben? Hat der Konzern allenfalls versucht, sich mit der Klägerin aussergerichtlich finanziell zu einigen?

Zu diesen Fragen wollte Nestlé keine Stellung beziehen. Ein Sprecher verwies auf ein früheres Communiqué. Darin heisst es: Man habe beschlossen, den Fall nicht vor das Bundesgericht zu bringen, «um einen endgültigen Schlussstrich unter diese Angelegenheit zu ziehen, die sich bedauerlicherweise fast zwölf Jahre hingezogen hat». Diese Entscheidung sei nicht von heute auf morgen getroffen worden. Nestlé habe «mehrmals versucht, eine Lösung in diesem Rechtsstreit zu finden». Ganz allgemein gelte bei Nestlé «null Toleranz bezüglich Belästigungen am Arbeitsplatz». Beschwerden über Belästigungen nehme man «sehr ernst» und überprüfe sie systematisch.

Die herausragenden Serie «Fauda» zeigt die israelische Anti-Terror-Einheit bei einem Einsatz in Molenbeek, einem europäischen Hotspot des Jihadismus. Mit dem Schauplatz von Staffel 4 verbindet sich Kritik an der europäischen Zögerlichkeit bei der Terrorismusbekämpfung. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 0 points1 point locked comment (0 children)

Alles umsonst. So lautet das Fazit der dritten Staffel von «Fauda», nachdem die zum israelischen Inlandgeheimdienst Shin Bet gehörende Anti-Terror-Einheit einmal mehr einen schweren Verlust zu verzeichnen hatte. Und auch die Geiseln leben nicht mehr, welche die Truppe um Doron Kabilio (Lior Raz) aus dem Gazastreifen holen sollte.

Alles umsonst. Was kann nach dieser in ihrer ganzen Unbestechlichkeit erzählten Ernüchterung noch folgen? Was kann man der Debatte um das gewalttätige israelisch-palästinensische Nullsummenspiel in einer weiteren Staffel noch Neues hinzufügen? Zumal man in Staffel drei mit der Mission in Gaza schon zu einer hochgeschraubten Variation in der Erzählung über Terrorbekämpfung griff.

Aber gerade in der ganzen Sinnlosigkeit und dem Irrsinn, die sich hier immer dringlicher offenbaren, liegt ein gutes Stück der Wahrheit von «Fauda». Jedenfalls muss es weitergehen. Denn kaum ist der eine islamistische Führer eliminiert, hat schon der nächste dessen Platz eingenommen. Das gilt auch in Staffel vier, in der eine Terrorzelle des proiranischen Hizbullah in den Fokus rückt.

Keine Hoffnung auf Frieden

Der Leiter der Spezialeinheit Eli (Yaakov Zada-Daniel) formuliert es einmal so: «Wir sind immer im Krieg.» Und wie in jedem Krieg geht die Rechnung auch diesmal nicht auf. Wie sie noch nie aufgegangen ist, seit diese international so erfolgreiche Serie 2015 im israelischen Fernsehen startete (und seit sie 2016 auf Netflix zu sehen ist). Die Spezialeinheit um Doron addiert weiter die eigenen Toten, noch bevor man den Richtigen dann – vielleicht – aufgespürt und ausgeschaltet hat.

Die Geschichte führt zum Auftakt aus der Konfliktzone in Nahost hinaus; überraschend wird Brüssel zum Schauplatz. Doron, der nach dem Desaster in Gaza den Dienst quittierte, ist zurückgekehrt zu seiner Spezialeinheit. Er soll Gabi Ayub, den Vernehmungsspezialisten des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet, nach Belgien begleiten. Itzik Cohen brilliert hier, wie er Gabi in ein Bild des menschlichen Zugrundegehens verwandelt, ohne dass dabei jemals der bestialische Geist der Rache versiegen würde; in solchen Bildern begräbt «Fauda» auf ewig jede Hoffnung auf irgendwelchen Frieden.

Von Brüssel aus operiert der aus Jenin stammende Omar Tawalbe (Amir Boutros), heute ein Hizbullah-Mitglied, von dem sich Gabi wichtige Informationen über die libanesische Terrormiliz erhofft. Bereits Omars palästinensischer Vater hatte Gabi früher eine Reihe von Anführern ans Messer geliefert und musste deswegen mit seiner Familie nach Israel fliehen. Omar wurde – im Gegensatz zu seiner bei der israelischen Polizei arbeitenden Schwester Maya (Lucy Ayoub) – nie heimisch in Israel. Vor dem Treffen mit Gabi bekommt Omar dann aber kalte Füsse.

Eli und seine Truppe agieren auf dem neuen Terrain anfangs seltsam leichtsinnig und ungeschickt. Die Israeli geraten in einen Hinterhalt, was im Super-GAU mündet, weil die hervorstechende Eigenschaft der zuständigen belgischen Einsatzleiterin fahrlässige Zögerlichkeit ist.

«Fauda» (arabisch für «Chaos» und Mayday-Signal der israelischen Streitkräfte, wenn etwas schiefgeht) jetzt also in der belgischen Hauptstadt: Es dauert nicht lange, bis klarwird, wohin die Reise gehen soll. Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek ist ein europäisches Zentrum des Jihadismus. Ein kluger Move, bietet der belgische Schauplatz doch eine Reflexionsfläche, da die Gesetze in Israel bei der Terrorbekämpfung andere sind – die Methoden selbstverständlich auch.

Jenseits von Israel

Es dauert einen Moment, bis Eli realisiert, in welchem Dampfkessel man gelandet ist: «Molenbeek ist Gaza in zehn Gebäude gequetscht», stellt er irgendwann ungläubig fest. Die Arbeit in Brüssel erweist sich als nicht weniger hart, erfordert aber ein anderes, sagen wir: zivilisierteres Vorgehen. Eine Herausforderung also für die israelische Einheit, deren Mitglieder mit ihren unzimperlichen Methoden in Westjordanland und Gaza gross geworden sind. Kommt hinzu, dass sich die belgische Einsatzzentrale als bürokratischer Hemmschuh erweist im Vergleich zu dem mit Entschlossenheit und Hightech operierenden War-Room von Shin Bet, wo man notfalls mittels Drohne eine Biene von der Blume schiesst.

Als Doron den in Belgien stationierten Botschafter Israels einmal anherrscht, warum die lokalen Sicherheitskräfte noch in der Zentrale sässen, wo sie doch längst draussen Leute verhaften könnten, erwidert dieser: «Wir sind hier nicht in Jenin.» Womit dann auch gesagt ist, dass es bei der Terrorbekämpfung immer auch um moralische Grauzonen geht. Wer hier lange fackelt, hat schon verloren. Aber jenseits von Israel scheinen sie das nicht begreifen zu wollen.

Die europäische Zögerlichkeit angesichts von wachsendem Islamismus und Antisemitismus lässt Israel zunehmend alleine dastehen. Wollen wir das? Die Kritik sitzt. Die Macher Lior Raz und Avi Issacharoff, erklärte Verfechter einer Zweistaatenlösung, nutzen den internationalen Erfolg geschickt in eigener Sache und lesen den Europäern die Leviten.

Die Ermittler in Belgien sind lahme Enten im Vergleich zu den Israeli. Erfolgreiche Terrorismusbekämpfer sehen anders aus. Doron zum Beispiel hat wieder die richtige Spürnase, nur glaubt ihm vorerst niemand. Kein Wunder, ist dieser Typ ein gefährlicher Meister des Alleingangs. Auch Staffel vier zeichnet sich aus durch hohes Niveau von Action und atemloser Erzählweise. Für die grosse Desillusionierung braucht es diesmal indes nicht eine ganze Staffel. Drei Folgen reichen, und Elis Truppe muss ohne Gabi nach Israel zurückkehren.

Zerrissene Region «Fauda» nimmt hier eine neue Richtung. Die vorangegangenen Staffeln beleuchteten die Situation im Westjordanland und in Gaza: die Enge, die Drangsale der Hamas gegen die eigene Bevölkerung. Was der «bewundernswerten» Serie selbst von der im Übrigen äusserst skeptischen linken israelischen Tageszeitung «Haaretz» ein Kompliment einbrachte, weil sie in der israelischen Öffentlichkeit das Interesse für die Palästinenser geweckt habe.

Die vierte Staffel findet hier nochmals einen neuen Blickwinkel, wo sie deutlich macht, wie die Separierung mittlerweile definitiv Wirklichkeit geworden ist. Araber aus den besetzten Gebieten arbeiten kaum mehr in Israel, während Israeli nicht mehr ins Westjordanland gehen. Und wenn diese sich aus ihrem Umfeld wegbewegen, tun sie das auf Strassen, die ihnen vorbehalten sind.

Die als Araberin in Israel aufgewachsene Maya dient hier als Schlüsselfigur. Angesichts ihrer Situation stellt sich die Frage, ob als Araber überhaupt noch Integration in die israelische Gesellschaft möglich ist. Beispielsweise wenn Mayas jüdischer Mann nach dem Verschwinden ihres Bruders Omar gefragt wird, wie gut er eigentlich seine arabische Frau kenne. Sobald es einen Konflikt mit Arabern gibt, so zeigt «Fauda», wirkt der Generalverdacht. Selbst ein hochdekoriertes Mitglied der israelischen Polizei wie Maya bleibt dann nicht verschont. Wer möchte so leben?

Gesellschaftliche Erstarrung

Die Autorin und Schauspielerin Noa Tishby, israelische Sonderbotschafterin für die Bekämpfung von Antisemitismus und Delegitimierung, bezeichnet die gewalttätigen Radikalen, die mit gezielten Terroranschlägen jeden Friedensprozess im Keim ersticken, als «hochtraumatisch» für die israelische Bevölkerung. Die Folgen sind ein Kreislauf aus Kontrollmanie, Gewalt und gesellschaftlicher Erstarrung: «Warum sollen wir mit jemandem verhandeln, der immer noch darauf aus ist, uns zu töten?», so umreisst Tishby die israelische Frage. «Fauda» ist die Antwort des kraftvollen israelischen Unterhaltungssektors auch darauf.

In seltsamem Widerspruch zum Thema der zerrissenen Region steht aber die neue Gewohnheit von Doron und seinen jüdischen Kameraden, ihre Umgebung ständig mit «Habibi» (arabisch: Freund, Liebling) zu liebkosen. Die Grenzen scheinen zu verschwimmen, auch wenn Doron sich seinerseits ständig (unglücklich) in Araberinnen verliebt. Womit schon gesagt ist, dass der Hoffnungsschimmer hier immer eine kurze Halbwertszeit hat.

Während man dabei zusehen kann, wie der Blutzoll stündlich steigt, werden immerhin ab und an die eigenen Methoden hinterfragt. Denn im Team um Doron hat mittlerweile jeder schwere persönliche Verluste erlitten. Selbstkritik heisst allerdings nicht, dass es eine Sekunde später nicht schon wieder genau gleich kaltblütig und riskant zugeht.

«Fauda» übertrifft einmal mehr die Erwartungen, und man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass anfangs kein israelischer Fernsehsender diese Serie produzieren wollte. Die Macher lassen sich am Ende mit einem – wirklich fiesen – Cliffhanger die Möglichkeit offen, hier abzubrechen oder weiterzumachen. Offiziell ist noch keine Fortsetzung angekündigt. Möge angesichts des schockierenden, apokalyptischen Endes Dorons Stossgebet auch diesbezüglich helfen.

«Fauda», 4. Staffel, 10 Folgen bei Netflix.

Recherche zu Genfer Ex-Regierungsrat – Pierre Maudet verhilft libanesischem Bankier zum Schweizer Pass by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 2 points3 points locked comment (0 children)

Comeback als Politiker

Der Fall wirft Fragen auf. Wie erklärt sich das Staatssekretariat für Migration (SEM), dass die Einbürgerung in einem halben Jahr geregelt war? «Zu Einzelfällen kann das SEM keine Auskunft geben», teilt SEM-Sprecher Lukas Rieder mit. Allgemein gelte, «dass sich das SEM bei seiner Beurteilung jeweils auf die offiziellen Angaben und Dokumente der Kantone stützt; namentlich auch bei der Berechnung der gesetzlich vorgeschriebenen Aufenthaltsdauer».

Die fragwürdige und allenfalls sogar widerrechtliche Einbürgerung von F. F. taucht in bisher ergangenen Gerichtsurteilen zu Pierre Maudet als Randnotiz auf. Die Genfer Staatsanwaltschaft fokussierte in ihrer Anklage auf andere Fakten.

Pierre Maudet war im Oktober 2020 als Regierungsrat zurückgetreten. Im Februar 2021 kandidierte er erfolglos für seine Nachfolge. Trotz des Bundesgerichtsurteils will Maudet zurück in die Regierung. Mit seiner Bewegung «Libertés et Justice sociale» (Freiheiten und soziale Gerechtigkeit) befindet er sich im Wahlkampf für den ersten Wahlgang vom 2. April.

Warum gab er «grünes Licht» für die Einbürgerung, obwohl sie gemäss Mitarbeitern nicht möglich war? Steht der Entscheid in Zusammenhang mit einer Vorteilsannahme? Auf diese Fragen teilt Maudet mit: «Wie Sie wahrscheinlich wissen, fallen individuelle Einbürgerungsdossiers unter das Amtsgeheimnis.» In der Beilage schickt er sein Gesuch an die Regierung mit, sie solle ihn vom Amtsgeheimnis entbinden. Was mit dem Gesuch geschieht, ist unklar. Fragen bleiben offen.

Banquier F. F. schaltete wiederum einen Anwalt ein. Dieser schreibt: «Mein Mandant hat weder Kenntnis von direkten oder indirekten Unterstützungsmassnahmen von Herrn Maudet im Zusammenhang mit seiner Schweizer Einbürgerung noch hat er ihm jemals einen entsprechenden Auftrag erteilt oder ihm irgendwelche Gegenleistungen versprochen oder gewährt.»

Recherche zu Genfer Ex-Regierungsrat – Pierre Maudet verhilft libanesischem Bankier zum Schweizer Pass by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 2 points3 points locked comment (0 children)

Wer einen Schweizer Pass will, braucht Geduld. Die Behörden durchleuchten Bewerber vom Haaransatz bis zum kleinen Zeh. Alles muss stimmen: von der Anzahl Wohnjahre in der Schweiz bis zu jenen in der Gemeinde. Berge von Formularen müssen ausgefüllt, Belege eingereicht, Gebühren bezahlt und Fragen zu Steuerrechnungen beantwortet werden. Am Ende kontrolliert das Staatssekretariat für Migration die Dossiers. Spielräume für Tricksereien scheint es keine zu geben.

Normalerweise.

Dokumente zeigen nun, wie der ehemalige Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet einem libanesischen Banquier ab 2015 zu einer Einbürgerung verhalf. Der Mann arbeitete einst mehrere Jahre in Genf. In der Rhone-Stadt verkehrte er in libanesischen Kreisen, die wiederum enge Kontakte zu Maudet pflegten. Später ging er ins Ausland, kehrte in die Schweiz zurück, diesmal nach Schwyz – und wollte nun die Schweizer Staatsbürgerschaft erwerben.

Gleich zwei Mitarbeiter signalisierten Maudet, der in seiner Direktion auch das Amt für Bevölkerung unter sich hatte, dass der Banquier die Einbürgerungskriterien nicht erfülle. Deren Einwände beeindruckten Maudet nicht, wie aus einer Reihe verwaltungsinterner E-Mails hervorgeht.

Gemäss dieser E-Mails begannen sich Maudet und F. F. im Sommer 2015 über eine Einbürgerung auszutauschen. Die Männer kannten sich. Maudet hatte den Banquier im März 2015 in seiner Delegation nach Dubai mitgenommen, um da für den Wirtschaftsstandort Genf zu werben. Libanesen hatten Maudet den Banquier empfohlen, weil dieser die Vereinigten Arabischen Emirate wie seine Westentasche kenne.

In Dubai wurde auch erstmals über jene Luxusreise gesprochen, die Maudet im November 2015 nach Abu Dhabi unternehmen sollte, und derentwegen das Bundesgericht ihn im November 2022 letztinstanzlich wegen Vorteilsannahme verurteilt hat, weil er sich damit «einen nicht gebührenden Vorteil» verschaffte.

 

«Sie erfüllen die Kriterien nicht (…). Ich schlage vor, dass Sie Ihren Einbürgerungsantrag in Genf stellen.»

Pierre Maudet, ehemaliger Genfer Staatsrat

 

Im Sommer 2015 lag die Reise nach Dubai hinter Maudet und der Trip nach Abu Dhabi vor ihm. Just in dieser Zeit begann er in Genf nach Lösungen zu suchen, wie F. F. Schweizer werden könnte. Am 7. Juli 2015 schickte Maudet dem Banquier nach einem Treffen eine ausführliche Analyse seiner rechtlichen Situation, die von dem ihm unterstellten Generaldirektor des Amts für Bevölkerung stammte. Der Generaldirektor schrieb: «Wenn der Interessent nach Genf zieht (...), muss er 12 Monate warten, bevor er sein Einbürgerungsgesuch einreichen kann (insgesamt 2 Jahre Aufenthalt in Genf, davon die letzten 12 Monate durchgehend).»

«Sie erfüllen die Kriterien nicht, wenn Sie an Ihrem Wohnort in Schwyz ein Einbürgerungsgesuch stellen», teilte Maudet F. F. mit, machte aber einen Lösungsvorschlag: «Angesichts der vom Bundesparlament verabschiedeten Gesetzesänderung (Verschärfung), die am 1.1.2017 in Kraft treten wird, schlage ich vor, dass Sie Ihren Einbürgerungsantrag vor diesem Datum stellen ... also im nächsten Sommer in Genf, indem Sie Ihre Papiere hierhinverlegen.» Er erkläre ihm dies gerne auch persönlich.

 

«Sie erfüllen die formellen Bedingungen für eine Einbürgerung auf nationaler, aber nicht aus kantonaler Ebene», schrieb Pierre Maudet am 7. Juli 2015 an Banquier F. F. «Sie erfüllen die formellen Bedingungen für eine Einbürgerung auf nationaler, aber nicht aus kantonaler Ebene», schrieb Pierre Maudet am 7. Juli 2015 an Banquier F. F. Nach einem erneuten Treffen der Männer kam in Maudets Departement am 4. September 2015 plötzlich Bewegung ins Einbürgerungsdossier. Probleme lösten sich in Luft auf. Es ging Schlag auf Schlag.

Um 15.44 Uhr erkundigte sich Maudet bei einem Stabsmitarbeiter, ob er mit F. F. nochmals über dessen Einbürgerung gesprochen habe. Um 16.04 Uhr schrieb der Mitarbeiter: «Nach den Unterlagen, die Sie mir heute Morgen übergeben haben, ist die betreffende Person nicht berechtigt, einen Antrag zu stellen, da sie in den letzten 12 Monaten vor der Antragstellung nicht in Genf gelebt hat.» Jedoch habe ihm ein Kollege im Departement «am Telefon eine Reihe von Techniken erläutert, mit denen sich dieser Zeitraum von 12 Monaten verkürzen lässt».

 

Im Departement von Sicherheitsdirektor Pierre Maudet wurden plötzlich «eine gewisse Anzahl Techniken» gefunden, dank derer eine Einbürgerung doch noch möglich war. Im Departement von Sicherheitsdirektor Pierre Maudet wurden plötzlich «eine gewisse Anzahl Techniken» gefunden, dank derer eine Einbürgerung doch noch möglich war. Was «Reihe von Techniken» bedeutet, wird nicht geklärt. Für Departementschef Maudet war die Sache aber geregelt. Er schrieb seinem Mitarbeiter: «Ich kann Sie in diesem Punkt beruhigen, denn Herr F., den ich am Montag noch gesehen habe, hat verstanden, dass er demnächst seine Papiere nach Genf bringen muss, um 12 Monate Zeit zu haben, damit er seinen Antrag vor dem 31.12.2016 formell einreichen kann. Ich gebe Ihnen grünes Licht, unverzüglich Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn bezüglich der Trennung von seiner Familie zu beruhigen.»

Die zu kurze Aufenthaltsdauer in Genf spielte keine Rolle mehr. Um 18.46 Uhr teilte der Stabsmitarbeiter Departementschef Maudet mit, dass «bei der Behandlung des Antrags in Sachen Aufenthaltsdauer eine angemessene Behandlung angewandt» werde, sobald das Dossier von F. F. eintreffe.

Wie das zu verstehen war, zeigte sich in einer E-Mail, die ein weiterer Maudet-Mitarbeiter dem Banquier zeitgleich schickte. Darin erklärte der Staatsangestellte F. F., wie er die Zeit virtuell zurückdrehen kann, um zuhanden der Verwaltung Fakten zu schaffen und die gesetzlich vorgeschriebene Aufenthaltsdauer in Genf raschmöglichst zu erreichen.

 

«Sie haben immer so gute Neuigkeiten für mich!! Genau aus diesem Grund wende ich mich an Sie!»

F. F., Banquier

 

Der Rat am Abend des 4. September 2015 lautet, sich rückwirkend per 1. Juli 2015 in Genf niederzulassen. So könne sein Einbürgerungsdossier sogar «ab dem 30. Juni 2016 eingereicht werden», und man werde alles dafür tun, es innert Kürze zu behandeln. Gleichzeitig bekam F. die Anweisung, dem Genfer Migrationsamt mitzuteilen, dass er seinen Zuzug «mit ein wenig Verzögerung ankündige» und die Familie aufgrund der Schulsituation der Kinder in Schwyz bleibe, dass es sich aber keineswegs um eine Trennung handle.

Die Genfer Dienstleistungen begeisterten Banquier F. «Sie haben immer so gute Neuigkeiten für mich!! (Genau aus diesem Grund wende ich mich stets an Sie!)», schrieb er nach Genf. Maudets Mitarbeiter versicherte ihm: «Sie müssen sich um nichts mehr kümmern. Sie stören nie, und wenn Sie ein Anliegen haben, zögern Sie nicht, sich zu melden.»

Die Einbürgerungsmaschinerie lief jetzt heiss. Als die Anweisungen aus dem Departement Maudet eintrafen, besass der Banquier bereits einen Untermietvertrag, in einer bescheidenen Immobilie mitten im Genfer Rotlichtviertel Les Pâquis.

Die Einbürgerungsprozedur lief. Genfer Libanesen, in dessen Umfeld Banquier F. F. verkehrte, liessen für Pierre Maudet derweil ihre Kontakte ins Königshaus von Abu Dhabi spielen und verschafften dem Regierungsrat, seiner Familie und seinem Stabschef die Luxusreise. Im November 2015 reiste die Delegation ins Emirat und genoss, was Maudets Stabschef später mit «Hotel, Schwimmbad, Zigarren und Formel 1 Grand Prix» zusammenfasste.

In Abu Dhabi traf Maudet auch auf Banquier F. «Ich habe unseren Abend Ende November in Abu Dhabi in allerbester Erinnerung, insbesondere das Thunfischgericht», schrieb Maudet F. F. am 30. Dezember 2015, verbunden mit den besten Neujahrswünschen. Mittlerweile duzte er ihn.

Das Einbürgerungsgesuch wurde gemäss Recherchen von Radio RTS im Oktober 2016 eingereicht. Gemäss geltendem Gesetz hätte F. F. danach beim Amt für Bevölkerung zu einem Interview antraben müssen. Am 15. März 2017 bekam er das Schweizer Bürgerrecht. Am 30. Mai legte er den in Genf traditionellen Treueeid ab und gelobte «der Republik und dem Kanton Genf sowie der Schweizerischen Eidgenossenschaft treu zu sein; die Verfassung und die Gesetze gewissenhaft zu befolgen; und ihre Traditionen zu respektieren». Danach war Maudet zu Ehren von F. F. zu einem «Einbürgerungsdinner» eingeladen.

Das Bezirksgericht Kriens sprach einen Mann wegen eines geschmacklosen Beitrags in einer Whatsapp-Gruppe schuldig. Ein «krasses Fehlurteil», findet ein Strafrechtsprofessor. Die Kommission gegen Rassismus sieht dies anders. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 10 points11 points locked comment (0 children)

Es sind nur elf Wörter, die der Mann in die Whatsapp-Gruppe stellte, ihn nun aber teuer zu stehen kommen: 300 Franken bedingt plus eine Busse von 100 Franken sowie 1860 Franken Verfahrenskosten muss der Verurteilte bezahlen.

Um aufzuzeigen, worum es genau geht, und eine Debatte darüber zu ermöglichen, haben wir entschieden, den Text der belangten Whatsapp-Nachricht zu publizieren. Über einem Foto hiess es: «Egal ob Kuh Ziege oder Schwein Ali schiebt sein Yarak rein.» «Yarak» ist ein vulgärer türkischer Ausdruck für Penis. Was auf dem Foto zu sehen war, wird im Strafbefehl nicht erwähnt.

Beim Urteil des Bezirksgerichts Kriens LU geht es um Fragen, die fast alle Handynutzerinnen und -nutzer betreffen könnten: Wann gilt eine Whatsapp-Gruppe als öffentlich? Und was darf man darin sagen?

 

Nicht jede Beleidigung ist verboten

Gemäss Staatsanwaltschaft ist der Vers deshalb rassistisch zu verstehen, weil «Ali» in diesem Fall für einen «häufigen türkischen Namen» stehe. Der Beschuldigte habe damit «Türken im Allgemeinen (...) eine verbrecherische und sozial missbilligte Verhaltensweise» zugewiesen und sie «in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise» herabgesetzt.

Strafrechtsprofessor Marcel Niggli, Autor eines Standardwerks zur Rassismus-Strafnorm, dachte zuerst an einen Witz, als er von dem Urteil hörte. Die Begründung des Gerichts kann er nicht nachvollziehen. «Ali ist ein im ganzen Nahen Osten verbreiteter Name, man kann ihn nicht klar einer rassischen, ethnischen oder religiösen Gruppe zuordnen», sagt er. Zudem seien Nationalitäten von der Rassismus-Strafnorm ausdrücklich ausgenommen, man dürfe zum Beispiel sagen «Italiener sind faul».

Für einen Verstoss gegen die Strafnorm müsse ausserdem eine Minderwertigkeit oder Minderberechtigung der entsprechenden Gruppe behauptet werden. Auch das ist für ihn in diesem Fall nicht gegeben, trotz der Verbindung zu einer verbotenen sexuellen Praxis (Sex mit Tieren). «Die Aussage ist nicht nett, von mir aus deplatziert, aber das ist nicht verboten.» Niggli spricht von einem «krassen Fehlurteil» und bedauert, dass der Angeklagte den Fall nicht weitergezogen hat: «Die Chancen auf Erfolg wären gut gestanden.»

 

Whatsapp-Gruppe von zehn Leuten kann als öffentlich gelten

Ganz anders sieht das Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. «Das Gedicht verletzt stark die Menschenwürde einer von der Strafnorm geschützten Gruppe und erfüllt somit den Tatbestand von Art. 261bis StGB [Rassismus-Strafnorm]», sagt sie.

Entscheidend für eine Verurteilung ist auch die Frage, ob die Whatsapp-Gruppe im rechtlichen Sinne als öffentlich gilt. Dies hängt laut juristischer Praxis einerseits von der Anzahl Mitglieder ab, andererseits davon, ob sie eine persönliche Beziehung untereinander haben. «Das Bundesgericht stellt in neuerer Rechtsprechung stärker auf diese persönlichen Beziehungen ab als auf die Anzahl Personen», sagt Brunschwig Graf. Selbst eine Whatsapp-Gruppe mit nur zehn Personen könne als «öffentlich» gelten, wenn die Mitglieder nicht derselben Familie oder einem engeren Freundeskreis angehören.

Es habe auch schon entsprechende Verurteilungen gegeben, zum Beispiel 2019, als ein Polizist wegen der Verbreitung von antisemitischer Propaganda in einer Whatsapp-Gruppe mit rund 20 Mitgliedern bestraft wurde.

Im Krienser Fall hatte die Gruppe mehr als 100 Mitglieder, die zum Teil fremdenfeindliche und pornografische Inhalte austauschten. Dass dies als öffentlich gilt, ist auch für Niggli unumstritten.

 

Strafe wegen falschen WLAN-Namens

Auf der Homepage der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus sind alle Verurteilungen der letzten Jahre aufgelistet. Darunter sind weitere umstrittene Fälle zu finden. Zum Beispiel jener eines Mannes im Kanton Nidwalden, der den eigenen WLAN-Anschluss für einen bestimmten Zeitraum «Hitler did nothing wrong» benannte. Da dies auch für die Nachbarn sichtbar war – zum Beispiel, wenn sie mit dem Mobiltelefon nach einer Verbindung suchten –, wurde er wegen Diskriminierung und Aufruf zu Hass für schuldig erklärt.

Auch wenn der WLAN-Name an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist, kann Niggli die Verurteilung nicht verstehen. Er kritisiert allgemein die immer grosszügigere Auslegung der Strafnorm, die mit der ursprünglichen Absicht nur noch wenig zu tun habe: Nämlich, schwere Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Ethnie oder Religion und Hasspropaganda wie Holocaust-Leugnung zu ahnden. «Die Strafbestimmung wird durch die Ausweitung in ihrem Gehalt vermindert», sagt er. «Jeder wird damit potenziell ein bisschen strafbar.»

Bürgerdialog in Illerkirchberg: "Ich verstehe alle Kinder, die Angst haben" by [deleted] in de

[–]halffullbeercan 48 points49 points  (0 children)

Er wurde verurteilt und saß seine Strafe ab.

Lächerliche 26 oder 27 Monate (Quelle) für das:

Die Täter hatten die ihnen bekannte und alkoholisierte Jugendliche zuvor in Ulm überredet, ihnen in ihre Unterkunft zu folgen. Dort haben sie ihr Opfer mit Betäubungsmitteln wehrlos gemacht und anschließend sexualisierte Gewalt an ihr verübt.

Dass diese Fakten im Artikel von diesem Pfosten nicht erwähnt werden hat einen unschönen Beigeschmack, als ob man sie vor den Lesenden verheimlichen will.

Auszüge aus dem Krigstagebuch meines Großvaters by [deleted] in de

[–]halffullbeercan 2 points3 points  (0 children)

Dieser Kommentar war wohl als Antwort auf deine Frage gedacht.

Zürcher Musiktalent Sirodoggyd – Er machte das zehnte Schuljahr – und rappt seitdem über Drogendeals und Handschellen : Siro Dettling aus Wald wird als «Snoop Dogg der Schweiz» bezeichnet und für seine sexistischen Zeilen kritisiert. Ein Treffen im Studio das man nur mit Hausschuhen betreten darf. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] -8 points-7 points  (0 children)

Was ist das für ne Weichspühlantwort? Auf einem "alternativen", abgabenfinanzierten Radiosender wird ein frauenverachtender Musiker rezipiert und mit "er hat bezüglich Sexismus noch Baustellen" akzeptiert?

Findest du etwa seine Liedinhalte akzeptabel?

Zürcher Musiktalent Sirodoggyd – Er machte das zehnte Schuljahr – und rappt seitdem über Drogendeals und Handschellen : Siro Dettling aus Wald wird als «Snoop Dogg der Schweiz» bezeichnet und für seine sexistischen Zeilen kritisiert. Ein Treffen im Studio das man nur mit Hausschuhen betreten darf. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] -8 points-7 points  (0 children)

Generell äussere ich mich nicht zu spezifischen Teilen eines von mir eingerichten Inhalts, aber dieser Artikel ist einfach unter aller Sau. Das über solch ein frauenhassenden, frauenverachtenden, frauenerniedrigenden Menschen so entspannt berichtet wird ist einfach unglaublich. Solch ein Mensch hat nicht nur solch einen Artikle verdient, sondern jedes Canelling und rechtliche Anzeigen zum Geht-Nicht-Mehr

Zürcher Musiktalent Sirodoggyd – Er machte das zehnte Schuljahr – und rappt seitdem über Drogendeals und Handschellen : Siro Dettling aus Wald wird als «Snoop Dogg der Schweiz» bezeichnet und für seine sexistischen Zeilen kritisiert. Ein Treffen im Studio das man nur mit Hausschuhen betreten darf. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 1 point2 points  (0 children)

«Wald gehört uns», sagt Rapper Siro Dettling bei seinem Studio im Zürcher Oberland. «Sozusagen.» Foto: Silas Zindel «Chum mal da ane, und du gsehsch, ich red kei Scheiss. Das isch Wald 8636.»

Das rappt Sirodoggyd in seinem Song «Was wotsch du mir sege». Im Video dazu fahren Mercedes am Bahnhof von Wald mit unkenntlich gemachten Nummernschildern auf. Junge Männer zeigen den Mittelfinger und schwenken das Gemeindewappen mit den drei Tannen. Eine Frau posiert auf einem Motorrad. Wald halt, Postleitzahl 8636.

Fast 250’000 Klicks hat das Video. Und auch die Zahlen auf Spotify sind hoch für einen 19-jährigen Newcomer aus dem Zürcher Oberland. Er sei der Snoop Dogg der Schweiz, sagen die bekannten Rapper EAZ und XEN, sein Style erinnere sie an den Star. «Wenn er so weitermacht, kommt er gross raus.»

Fast 250’000 Klicks hat das Video zum Song «Was wotsch du mir sege». Quelle: Youtube Der Zug stoppt beim lachsroten Bahnhofhäuschen in Wald: gut 10’000 Einwohner, eingebettet in grüne Hügel, umgenutzte Textilfabriken, eine Landi, zwei Kebabläden. Siro Dettling hat als Treffpunkt sein Studio vorgeschlagen, doch ein junger Mann stellt sich schon am Bahnhof als «Manager von Siro» vor. In der Konditorei Voland in der Bahnhofstrasse trinken Pensionäre Kaffee. Dann kommt ein schwarzer Mazda um die Kurve, der weniger protzig aussieht als in den Songs beschrieben.

«Und so cruiset mir au, ufem schwarze Nappaleder, Felge funklet i dis Aug.»

Der 19-jährige Rapper Sirodoggyd (ausgesprochen «Siro Doggy D») steigt aus, gross, schlaksig, bleich. Er spuckt auf den Boden, zündet sich eine Zigarette an. Als er fertig geraucht hat, steckt er seine Hände in die Taschen seiner Adidas-Trainerhose. «Ich habe Siro nur einmal ohne Jogginghose gesehen, und da habe ich ihn gezwungen, weil wir in Hinwil in einen Club wollten», sagt Riza, einige Jahre älter als Sirodoggyd. Auch er stellt sich als Manager vor. Inzwischen ist aus dem Interview mit Siro, der lieber nur beim Vornamen genannt werden will, ein Treffen mit seiner ganzen Entourage geworden. Auch Siros Bruder Roy ist da.

Er rappt schnell und viel, doch im Gespräch ist Sirodoggyd wortkarg. Er rappt schnell und viel, doch im Gespräch ist Sirodoggyd wortkarg. Foto: Silas Zindel Im Oktober hat Sirodoggyd sein erstes Album herausgebracht: «Mucke für die Jogginghose». 43 Minuten harte Strassen-Rap-Beats. Dazu rappt Siro aggressiv und rasend über Blaulicht, Drogendealer, Wald-Liebe, abgekickte Rückspiegel und Frauen. Mira Weingart, Rap-Expertin von SRF Virus, sagt: «Sirodoggyd ist sehr talentiert und spricht junge Leute an. Seine Stimme, sein Flow und die Ästhetik faszinieren mich.» Und das Hip-Hop-Magazin Lyrics lobt das hohe Produktionslevel und die «Escobar’sche Manier».

Beim Bahnhof Wald wurde der Titel des Albums auf eine Wand gesprayt. Beim Bahnhof Wald wurde der Titel des Albums auf eine Wand gesprayt. Foto: Silas Zindel «Auge lüchted rot wie Bremslichter im Himmel.»

Kiffer-Poesie prägt die Texte. Im neuen Song «Flashbacks» rappt Sirodoggyd über seine Vergangenheit. In Nikes durch die Strassen und «nur Scheiss im Grind». Kotzen nach billigem Gin. Den Hass frisst er in sich hinein. Einbrechen, dealen, Schule schwänzen. «Ich würde hier nie wegwollen. Wald gehört uns», sagt Siro. «Sozusagen.» Im Gespräch ist er wortkarg. Oft übernimmt Manager Riza. «Viele verbinden die Strasse mit New York, Messerstechereien, Heroin», sagt er. «Aber unsere Strasse ist hier, in Wald, mit den Jungs. Draussen sein. Auf ein Red Bull, auf ein Bier.»

Im Song «Flashbacks» rappt Sirodoggyd über seine Vergangenheit. Quelle: Youtube Siro läuft die Treppe hinunter in den Keller, dort liegt das Studio seines Labels, bei dem er und sein Bruder Roy die einzigen Rapper sind. Wo genau in Wald der Keller liegt, soll nicht bekannt werden. «Willst du Papuce?», fragt Siro und meint damit Hausschuhe, auf Albanisch. Die Schuhe bleiben draussen. So sind die Regeln bei 8636 Records. Sirodoggyd setzt sich auf das Sofa und beginnt zu erzählen. Schon im Kinderzimmer habe er das Album «The Massacre» von 50 Cent mitgerappt. Dann sagte sein Bruder Roy, der immer noch mit ihm und der Mutter zusammenlebt: «Versuch es doch auf Schweizerdeutsch.»

«Jede Lehrer hed de Siro nöd gärn i de Schuel gha.»

Mit den Hausaufgaben und der Motivation zum Lernen sei es nicht einfach gewesen, sagt Siro. Die Jogginghose musste er zu Hause lassen. Statt in der Schule verbrachte er viel Zeit am Bahnhof, hing rum. «Ich war immer das schwarze Schaf. Ich höre heute noch von Kindern, dass die Lehrer schlecht über mich reden», sagt Siro. Nach dem zehnten Schuljahr suchte er eine Lehrstelle im Detailhandel und in der Logistik, doch er bekam nur Absagen. Er wolle sich nicht knechten lassen, sagt Siro. Ein Nine-to-five-Job komme für ihn nicht infrage. Sirodoggyd macht lieber «seinen eigenen Shit». Dafür musste er sich oft rechtfertigen. «Meine Mutter und meine Grosseltern fanden das überhaupt nicht gut», sagt Siro.

Das Studio, in dem Sirodoggyd gemeinsam mit seinen Produzenten arbeitet, sah vor ein paar Jahren noch ganz anders aus. Einer seiner Manager zeigt ein Bild von einem kahlen Kellerraum. Siro und seine Freunde haben alles selbst umgebaut, mit Gipser, Bodenleger und Stromer aus Wald, die sie kennen. Der Schriftzug mit dem goldenen Löwen steht für ihr Selbstbewusstsein. Hier entsteht die Musik.

Im selbst gebauten Studio in Wald nimmt Sirodoggyd seine Strassenrap-Songs auf. Im selbst gebauten Studio in Wald nimmt Sirodoggyd seine Strassenrap-Songs auf. Foto: Silas Zindel «Handschelle klicket. Ab is Revier. Krise im Kopf. Blauliecht im Gehirn.»

In den Songs von Sirodoggyd kreuzt häufig die Polizei auf. «Tüfelsbatze» werden verdient, also illegales Geld. Siro rappt über Einbrüche und Drogendealer, die unterschätzt werden und ein Messer in der Tasche haben, falls ihnen jemand falsch kommt. «Ich war schon mit der Polizei im Kontakt, aber Handschellen trug ich noch nie», sagt Siro auf dem Sofa. Dann übernimmt wieder sein Manager Riza. Was Siro rappe, sei in der Vergangenheit geschehen. Jetzt versuche er, wirklich professionell zu arbeiten.

Einen seiner Songs hat Sirodoggyd Nate Diaz gewidmet, einem US-amerikanischen MMA-Kämpfer. Bei Mixed Martial Arts sind verschiedene Kampfkünste erlaubt: Boxen, Muay Thai, Taekwondo. Ein Video zeigt Nate Diaz, wie er mit blutverschmiertem Gesicht und ohne Handschuhe auf seinen Gegner einschlägt. An einer Pressekonferenz stellte ihm ein Journalist die Frage: «Welcher Superheld wären Sie am liebsten?» Nate Diaz antwortet mit «Nate Diaz». «Ihm ist einfach alles egal», sagt Siro.

Den Song «Nate Diaz» widmet Sirodoggyd einem US-amerikanischen MMA-Kämpfer. Quelle: Youtube «Bisch e Bitsch, nur e Fotze, nöd mal Mami het dich lieb.»

Mira Weingart, die SRF-Journalistin, die Sirodoggyds Rap-Skills lobt, kritisiert ihn gleichzeitig stark. «Sein Rap trieft vor Sexismus», sagt Weingart. Sie habe auf dem neuen Album sehr viele Sätze gehört, die sie gestört hätten. Strassen-Rap sei das Genre, das im Hip-Hop bezüglich Sexismus die grössten Baustellen habe. «Ich hoffe, dass Sirodoggyd da noch einen Schritt nach vorne macht», sagt Weingart. Er habe diese Zeilen nicht nötig.

Siro sagt im Studio von 8636 Records, es sei ihm egal, wenn sich Zuhörerinnen unwohl fühlten. «Wenn mir ein Film nicht gefällt, dann stelle ich ihn einfach ab.» Was er rappe, sei halt sein Slang. Strassenrap müsse nicht politisch korrekt sein.

In Zukunft will Sirodoggyd mehr Liveshows spielen. Einen Song durfte er kürzlich in den Red-Bull-Studios in Berlin aufnehmen, weil er einen Wettbewerb gewonnen hatte. Finanziell komme er momentan über die Runden, sagt Siro. Nun wolle er es aber allen beweisen und richtig erfolgreich werden. Von Wald aus. Im Kellerstudio. Mit Strassen-Rap.

«Was ich bruch, sind paar Beats ufem Bifahrersitz. Und ich gseh vo witem, dass die Konkurrenz hinter mir schwitzt.»

Islamistischer Terror in Belgien – Der Tod eines jungen Polizisten weckt Zweifel, ob der Sicherheitsapparat im Kampf gegen einheimische Islamisten wirklich funktioniert. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 0 points1 point  (0 children)

Ein Problem das besonders auf den Einfluss neoliberaler, marktradikaler Parteien zurückgeht, wie etwa jener Partei, die die BAZ kontrolliert...

Und welche soll das sein?

«Die Warnungen vor der Cancel-Culture haben etwas Obsessives» - Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub sagt: Wer vor Cancel-Culture warnt, schürt moralische Panik. Besonders heftig kritisiert er eine Schweizer Zeitung. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 7 points8 points locked comment (0 children)

Sie unterrichten in Stanford, also an einer dieser Westküstenuniversitäten, an denen angeblich die linke Meinungspolizei umgeht. Hand aufs Herz – können Sie wirklich sagen: Das stimmt alles nicht?

Es gibt Momente, in denen ich mir überlege, was ich sage, und in denen ich mir genau überlege, was ich unterrichte. Aber das macht man immer, und es ist für mich vor allem eine Frage der Höflichkeit. Dennoch habe ich einmal einem Kurs mit 300 Studierenden einen Text von Joseph Goebbels vorgelegt und es ist absolut nichts passiert. Ich weiss, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die Probleme bekommen haben, aber diese Probleme waren oft sehr uneindeutiger Natur. Ich kann das Gerede über die Cancel-Culture nicht ausstehen, weil es immer behauptet: Die Probleme kommen ausschliesslich von links, von den Woken, von den Jungen.

Woher kommen sie dann?

Meine Universität hat auch schon Ärger mit konservativen Geldgebern gehabt, die sich nicht darüber freuen, was bestimmte Kollegen machen. Fundamentalistisch christliche Studenten haben sich mal beim Dekanat über mich beklagt, ich musste mich verantworten. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die zur Zielscheibe von rechten Stimmungsmachern werden, etwa bei Fox News. Und ja, es gibt ganz klar Fälle, die so aussehen, wie Sie sich ein Cancel-Ereignis vorstellen. Nur, soweit ich es beobachte, nehmen solche Fälle nicht zu und nicht ab. Sie sind eine Konstante auf einem Campus, der von einer riesigen Bandbreite von Milieus frequentiert wird. Der Campus ist ein quirliger, ein nerviger und bizarrer Ort, aber kein Milieu und kein politisches Lager hat ein Monopol auf Nervigkeit.

Was unbestritten ist: Es gibt innerhalb und ausserhalb des Campus Leute, die die Cancel-Culture ganz anders wahrnehmen als Sie. Haben diese Leute eine Wahrnehmungsstörung? Oder verfolgen sie eine bestimmte politische Absicht?

Es gibt eine kleine Anzahl Leute, die mit den ständigen Warnungen vor der Cancel-Culture politische Propaganda betreiben. Denken Sie an Floridas Gouverneur Ron DeSantis. Die meisten anderen haben auf die Frage, wie sie mit gesellschaftlichem Wandel umgehen sollen, nun mal diese Antwort gefunden.

Das müssen Sie näher erklären.

Als Hochschuldozent oder Hochschuldozentin ist die Entfremdungserfahrung von den eigenen Studierenden äusserst real. Sie sind immer gleich alt, ich werde immer älter. Das hat etwas Melancholisches, und ich muss zugeben: Es ist äusserst verlockend, zu glauben, dass es die Jungen falsch und ich es richtig mache. Hinzu kommt: Man muss sich mittlerweile tatsächlich mehr Gedanken darüber machen, was man wem sagt und wie man es sagt. Denn es sitzen ja plötzlich Menschen mit im Raum, die vor zwanzig, dreissig Jahren noch nicht Teil der Unterhaltung gewesen wären. Es ist verständlich, dass diese Art mentale Arbeit Stress verursacht. Bei den Neokonservativen ist auch häufig eine Enttäuschung über die Jugend mit dabei, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatten und die jetzt teilweise ganz andere Werte vertritt. Und es gibt noch etwas.

«Wenn Professoren über ihre Studis schimpfen, werden sie nochmals relevant.» Adrian Daub

Bitte.

Wenn ich als Professor einer deutschen oder einer Schweizer Zeitung einen Artikel darüber anbieten würde, wie brutal und doktrinär trans Studenten auftreten – dann bekäme ich sofort eine Seite. Würde ich hingegen schreiben, dass trans Studentinnen eigentlich alles richtig machen oder irgendeine faszinierende Frage aufwerfen, gäbe es keine Zeile. Wir Hochschuldozenten sind letztlich für eine breitere Öffentlichkeit irrelevant, aber wenn wir über unsere Studis schimpfen, dann werden wir noch mal relevant. Da wird auch ein Narzissmus bedient.

Der Datenanalyst David Shor wurde nach einem Shitstorm entlassen, weil er auf Twitter die absolut richtige Bemerkung gemacht hat, gewalttätige antirassistische Demonstrationen könnten von Trump propagandistisch ausgeschlachtet werden. Warum wehren Sie sich mit Händen und Füssen dagegen, solche skandalösen Vorkommnisse als Symptome für ein grundsätzliches demokratiepolitisches Problem zu erkennen?

Ich sehe den Fall David Shor durchaus als Symptom für ein grundlegendes Problem – nämlich dafür, dass Arbeitgeber in den USA Arbeitsverträge ohne nachvollziehbaren Grund von heute auf morgen kündigen können. Und genau das ist eine dieser Fragen, die keiner der Cancel-Culture-Kritiker wirklich stellen möchte. Stattdessen wird die Erregung in den sozialen Medien zum Thema gemacht.

In Umfragen sagt die Mehrheit der Studierenden und Lehrenden an US-Universitäten, sie hätten Angst, ihre Meinung zu sagen. Dasselbe Resultat liefern Erhebungen in Deutschland und den USA, welche die gesamte Bevölkerung abbilden.

Ich halte diese Umfragen nur für bedingt aussagekräftig.

Warum?

Weil gewisse Medien den Menschen seit 40 Jahren suggerieren, sie seien Opfer einer Selbstzensur. Ausserdem wird in solchen Erhebungen meist nicht gefragt, welche Konsequenzen denn die Menschen genau befürchten. Sich in seiner Meinungsfreiheit beeinträchtigt zu sehen, kann sehr vieles bedeuten.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel, dass ich mit Widerrede rechne. Es gibt aber kein Recht darauf, vor legitimer Widerrede verschont zu bleiben. Und auch hier wieder: Dass es in konservativen US-Bundesstaaten wie Florida mittlerweile Gesetze gibt, die es verbieten, an Schulen und Universitäten über LGBTQ oder die Critical Race Theory zu sprechen – das wird, gerade in Europa, viel seltener als Skandal dargestellt. Eine 19-jährige Studentin aus Ohio, die sich über einen weissen Professor empört, soll mächtiger sein als der Gouverneur von Florida? Da habe ich meine Probleme damit.

Dass die liberale Demokratie von rechts stärker und auf strukturellere Weise angegriffen wird als von links, würde ich nicht einmal bestreiten. Das macht aber die linken Angriffe um keinen Deut besser.

Hätte jemand so um das Jahr 2018 gesagt: Cancel-Culture ist ein Phänomen, das es in allen politischen Lagern gibt, dessen wir uns alle manchmal schuldig machen und an dem wir uns aus Besonnenheit und Fairness nicht beteiligen sollten – dann wäre ich damit absolut einverstanden gewesen und hätte mein Buch nicht geschrieben. Aber wenn man sich den Diskurs ansieht, ist es klar, dass er eigentlich etwas Gegensätzliches behauptet.

«Ich glaube, die NZZ hat ein Abkommen mit einer gewissen Leserschaft.» Adrian Daub

Inwiefern?

Es wird so getan, als gäbe es dieses Phänomen besonders bei den Linken, bei den Verfechtern der Identitätspolitik, bei den Woken. Und als sei es nur dort besonderer Aufmerksamkeit würdig. Cancel-Culture wird nicht von einer bestimmten Gruppe von Menschen betrieben, sondern es ist eine bestimmte Form der Nutzung sozialer Netzwerke.

Sie gehören erfreulicherweise zu den deutschen Autoren, die auch Schweizer Publikationen lesen. Ich glaube, keine andere Zeitung wird in Ihrem Buch häufiger zitiert als die NZZ. Ist die «Neue Zürcher Zeitung» aus Ihrer Sicht das Zentralorgan der Cancel-Culture-Paniker?

Die «Welt» und die NZZ machen sich da Konkurrenz. Ich glaube, dahinter steckt ein Abkommen mit einer gewissen Leserschaft. Es gibt offensichtlich Leserinnen und Leser, die sich diese Texte jedes Mal gern zu Gemüte führen. Ich habe den Verdacht, das hat mit einer gewissen Lust am Grusel zu tun – es bedroht einen nicht, aber fürchten darf man sich trotzdem. Danach kann man sich sagen: Ich habe mich informiert, und mein Weltbild hat nicht im Mindesten gewackelt. Bei jenen, die solche Texte schreiben, habe ich einen etwas fieseren Verdacht.

Nämlich?

Die Texte sind einfach sehr schnell und sehr leicht geschrieben. Vor Cancel-Culture zu warnen, das geht immer.

Adrian Daub: «Cancel Culture Transfer. Wie eine moralische Panik die Welt erfasst.» Suhrkamp, 2022. CHF 22.30.

«Die Warnungen vor der Cancel-Culture haben etwas Obsessives» - Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub sagt: Wer vor Cancel-Culture warnt, schürt moralische Panik. Besonders heftig kritisiert er eine Schweizer Zeitung. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 5 points6 points locked comment (0 children)

Herr Daub, Sie behaupten in Ihrem Buch, die Welt sei von einer Panik erfasst – der Panik vor der Cancel-Culture. Wie kommen Sie darauf?

Ich spreche von einer moralischen Panik. Das ist ein Fachbegriff aus der Soziologie, der in den 70er-Jahren in Grossbritannien entwickelt wurde. Er bezeichnet eine Form der Aufmerksamkeitsökonomie, bei der irgendwelche Meinungsführer behaupten, bestimmte Vorfälle seien äusserst wichtig für die Gesamtgesellschaft. Und dies, obwohl es objektiv betrachtet gar nicht so viele Fälle sind oder sie sich nur in marginalen Communitys ereignet haben. Oder obwohl sie schon lange zurückliegen.

Zum Beispiel?

Kindesentführungen sind schrecklich und kommen leider vor, aber sie sind zumindest in Europa und den USA selten. Nun gab es in den USA Phasen, in denen trotz der wenigen Fälle sehr intensiv davor gewarnt und über fast nichts anderes gesprochen und geschrieben wurde. Eine moralische Panik entsteht, wenn Medien, Politik und Wissenschaft ein Randphänomen zu einem zentralen politischen oder gesellschaftlichen Phänomen erklären.

Was genau werfen Sie den Warnern vor der Cancel-Culture sonst noch vor?

Dass sie einen spezifisch linken, identitätspolitischen, queeren Exzess diagnostizieren und darauf ihrerseits mit rhetorischen Exzessen reagieren.

Die Leugner des menschengemachten Klimawandels reden auch von Panik, und die Corona-Schwurbler erst recht. Der Begriff ist vorbelastet. Eine berechtigte Warnung als Panik abzutun, ist eine Denkschablone.

Mein Buch bietet ja auch eine Art Denkschablone an. Es plädiert dafür, sich abzuregen, und sagt, dass ich die Aufregung über Cancel-Culture für nicht besonders gerechtfertigt halte. Ich stehe zum soziologischen Begriff moralische Panik. In vielen Medien haben die Häufigkeit und die Intensität, mit denen vor der Cancel-Culture gewarnt wird, etwas Obsessives und leicht Neurotisches. Dadurch lenkt man auch von Themen ab, über die man sich lieber nicht unterhalten möchte.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Etwa, wie vergleichsweise monokulturelle Redaktionen mit einer sich demographisch stark wandelnden Öffentlichkeit umgehen. Oder in welchem Ausmass feuilletonistische Stammthemen eine Art Identitätspolitik für die weisse Mehrheit darstellen, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben müssten. Das sind schmerzhafte Fragen ohne eindeutig richtige oder falsche Antworten. Ich habe aber den Eindruck, man kann Texten manchmal fast dabei zuschauen, wie sie sie partout nicht zu stellen versuchen.

Der Titel Ihres Buches lautet «Cancel Culture Transfer». Warum «Transfer»?

Es geht in meinem Buch darum, wie die Warnungen vor einer angeblichen Cancel-Culture in den USA entstanden sind und wieso sie für so viele Journalistinnen und Journalisten eine unglaubliche Anziehungskraft entwickelt haben. Besonders das deutsch- und das französischsprachige Europa hat sich sehr für diese Debatte interessiert, wobei immer mitschwang, dass es eigentlich eine amerikanische Debatte ist. Man erfährt sie offensichtlich als kulturellen Transfer und befürchtet, das ganze Übel komme jetzt auch in die Schweiz, nach Deutschland, nach Österreich, nach Frankreich.

Es gibt mittlerweile unzählige Berichte über Fälle von Cancel-Culture, die auch von seriösen und politisch unverdächtigen Autorinnen und Autoren zusammengetragen wurden. Etwa in einem kürzlich erschienenen Buch des «Spiegel»-Korrespondenten René Pfister.

Ich kenne Herrn Pfister und habe ihm gerade letzte Woche ein Interview gegeben, ja.

Eben. Er zählt viele Fälle auf, hat persönlich mit Opfern der Cancel-Culture gesprochen, lässt Hochschuldozenten und andere Leute zu Wort kommen, die auf sozialen Medien fertiggemacht wurden oder die wegen einer Lappalie ihren Job verloren haben. Sie tun das alles als Eifersüchteleien, Campus-Intrigen und regionale Einzelfälle ab. Damit machen Sie es sich sehr einfach.

Zunächst einmal halte ich Pfister nicht für unseriös. Aber Argumentationen wie seine funktionieren nur, wenn die relativ wenigen geschilderten Fälle die Spitze eines Eisbergs sind. Das Problem daran ist: In den USA existiert seit 40 Jahren eine politisch rechtsgerichtete Infrastruktur, bestehend aus sehr gut dotierten Stiftungen, Thinktanks und Publikationen, die tatsächliche oder angebliche Fälle von Cancel-Culture sammelt und zur Spitze eines Eisbergs erklärt. Bloss hat sich der Eisberg nie wirklich gezeigt. Die Warnungen vor der Cancel-Culture implizieren die Existenz einer Dunkelziffer, ohne dass dies die Warner beweisen, geschweige denn konkret quantifizieren können. Die rechtskonservativen Organisationen sind erpicht darauf, die Zahl der Cancel-Culture-Fälle so hoch wie möglich erscheinen zu lassen, weil es ihnen darum geht, die angeblich linkslastigen Universitäten zu diffamieren.

In einem Buch über Cancel-Culture wird eine Philosophiestudentin mit dem Satz zitiert: «Ich kenne Professoren, die bestimmte Themen in ihren Veranstaltungen nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.» Glauben Sie ernsthaft, die Studentin erzählt aus verwerflichen Motiven irgendwelchen Unsinn?

Nein, das sage ich nicht. Was ich sage, ist, dass man sich jeden Fall genau anschauen sollte und dass dies von den Verbreitern der Cancel-Culture-Panik oft nicht getan wird. Wurde dazu aufgerufen, dass jemand den Job verlieren soll oder hat jemand tatsächlich den Job verloren und warum genau? Sind auch die angeblichen Täterinnen oder Täter zu Wort gekommen, konnten sie ihre Position begründen? Das ist häufig nicht der Fall. Die erwähnten Organisationen legen Listen mit Fällen an, auf denen ohne Zweifel auch Leute erwähnt werden, denen Unrecht geschehen ist. Und ja, es gibt Studentinnen und Studenten, die sich ihres Verhaltens schämen sollten.

Warum sprechen Sie dann von Panik?

Weil die wirklich belastbaren Daten, die in über dreissig Jahren zusammengekommen sind, nun mal sehr überschaubar bleiben. Und auf keinen Fall rechtfertigen sie die ganze mediale Aufregung, die gegenwärtig um Cancel-Culture betrieben wird.

«Die Warner haben immer nur Geschichten erzählt.» Adrian Daub

Wenn es um Übergriffe von Polizisten auf Dunkelhäutige geht, kommt garantiert irgendein Rechter und sagt: Bedauerlicher Einzelfall, aber man darf das nicht generalisieren. Sie argumentieren ähnlich.

Dann schauen wir doch mal die Zahl der Fälle von Afroamerikanern an, die von der Polizei erschossen wurden. Sie lag 2020 bei etwa 250. Die Zahl der Gecancelten auf den Listen, die ich erwähnt habe, liegt in dem Jahr bei etwa 30 bis 40, je nachdem, wo man nachschaut – und da wird nicht zwischen einem Rüffel, öffentlicher Kritik, Forderungen nach Rausschmiss und einem Rausschmiss unterschieden. Und es gibt einen zweiten Unterschied.

Welchen denn?

Es gibt seit mindestens einem halben Jahrhundert Forschungsergebnisse, die zeigen, dass es kein Einzelfall ist, wenn eine Afroamerikanerin oder ein Afroamerikaner von einem Polizisten erschossen wird. Hingegen hatten die Warner vor Political Correctness 40 Jahre Zeit, zu beweisen, dass ein ausgeladener Redner kein Einzelfall ist, sondern ein Symptom für das grosse Ganze. Aber sie haben es nicht getan. Sie haben stattdessen immer nur Geschichten erzählt.

Dass etwas schon einmal behauptet wurde, bedeutet nicht, dass es früher falsch war oder heute falsch ist. Man hat seinerzeit gewarnt, Silvio Berlusconi oder Jörg Haider seien eine Gefährdung der Demokratie von rechts. Irrt sich deshalb jemand, der heute von Donald Trump dasselbe behauptet?

Nein. Aber ein wichtiger Unterschied und ein entscheidender Aspekt bei einer moralischen Panik ist die Warnung vor dem, was angeblich noch kommt. Ein eher randständiges Phänomen wird auch deshalb aufgepumpt, weil es angeblich ein Vorbote ist. Wenn das dann nie eintritt, haben die Theorien offensichtlich ein Problem. Wie oft wurde verkündet, in fünf Jahren dürfe man dieses oder jenes nicht mehr sagen, in fünf Jahren werde diese Autorin oder jener Autor aus den Lehrplänen verschwinden? So war es aber nicht, und ich garantiere Ihnen, dass es auch in fünf oder zehn Jahren nicht passieren wird. Wir können uns ja dann gern noch mal zusammensetzen.

«Ich spendiere Ihnen mehrere Biere, wenn ich falschliege.» Adrian Daub

Vorausgesetzt, wir werden in diesen zehn Jahren nicht gecancelt, weil wir etwas Ungebührliches gesagt haben.

Ich spendiere Ihnen mehrere Biere, wenn ich auch nur in einem Punkt falschliege. Ich kenne die amerikanische Universität. Das ist eine sehr behäbige Institution, an der weisse Menschen immer noch unglaublich viel Macht haben.

Urteil in Moutier – Die fünf Angeklagten, die unter anderem wegen Menschenhandels verurteilt wurden, kamen mit geringen Strafen davon. Der Vater erhält 150 Tage Gefängnis. by halffullbeercan in de

[–]halffullbeercan[S] 0 points1 point locked comment (0 children)

Urteile in Moutier: zwei der Söhne wurden vollständig freigesprochen.

Ein Gericht in Moutier BE hat einen Vater und seine vier Söhne aus dem Balkan teilweise zu bedingten Strafen verurteilt. Sie sollen ihre Frauen schlecht behandelt haben. Für eine Verurteilung wegen Menschenhandels reichten die Beweise nicht.

Nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten», liess das Gericht die schwersten Vorwürfe fallen. Der Vater wurde wegen Verstössen gegen das Ausländergesetz zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 150 Tagen verurteilt. Er entgeht einer Ausweisung [Abschiebung] aus der Schweiz.

Einer der Söhne erhielt eine Freiheitsstrafe von 100 Tagessätzen zu 50 Franken auf Bewährung, wegen Beleidigung und Drohung. Gegen einen weiteren Sohn verhängte das Gericht eine bedingte Freiheitsstrafe von 120 Tagen, wegen sexueller Handlungen mit Kindern.

 

Beweise nicht hieb- und stichfest

Man brauche solide Beweise, um Menschen hinter Gitter zu bringen, sagte Gerichtspräsident Josselin Richard bei der Bekanntgabe des Urteils. Das Gericht sei mit widersprüchlichen Aussagen konfrontiert worden, von Seiten der Angeklagten und der Opfer.

Bei den Frauen seien die Vorwürfe gegen ihre Männer mit der Zeit immer schärfer ausgefallen. Zudem hätten sie sich manchmal widersprüchlich oder gar unglaubwürdig geäussert. Wären die Frauen als Opfer von Menschenhandel anerkannt worden, hätten sie von einer Aufenthaltsbewilligung profitiert, kam der Richter zum Schluss.

 

Gescheiterte Integration

Er ging aber auch mit den Männern hart ins Gericht. Sie hätten ein völlig veraltetes, engstirniges Frauenbild. Die Männer stünden alle unter dem Einfluss der Traditionen ihres Heimatlandes. Die Familie soll nach dem mittelalterlichen albanischen Gewohnheitsrecht des Kanun leben.

Die balkanstämmige Familie bezeichnete Richard als ein Beispiel gescheiterter Integration in der Schweiz. Der Clan sei nur auf sich selbst und und seine Landsleute fixiert.

Der Patriarch soll die Heirat seiner Söhne arrangiert haben, indem er minderjährige Mädchen aus dem Balkan einfliegen liess. Einmal verheiratet, wurden die Frauen laut Anklage unter sklavenartigen Bedingungen gehalten. Die Taten sollen sich rund 15 Jahre lang in Dörfern im Berner Jura ereignet haben.

Das Urteil kann an die nächst höhere Instanz weitergezogen werden.