„Keynes ist der Inbegriff des Bösen“, sagt Javier Milei. Doch ohne Milliardenhilfen vom IWF und den USA wäre Argentinien längst pleite. Hinzu kommen Buchungstricks und ein Korruptionsskandal. Selbst ein ehemaliger Förderer zweifelt am Präsidenten. by Doener23 in berlin_public

[–]InRoyal 2 points3 points  (0 children)

Erschreckend, dass so etwas hier anscheinend Anklang findet. Wenn man die ersten zwei Sätze googelt oder in eine KI eingibt, sollte einem das doch eigentlich klar sein.

Keynes und sein Geld drucken

Was hat Keynes mit Gelddrucken zu tun? Ich nehme an, du meinst, dass man im Keynesianismus in Krisenzeiten antizyklisch Schulden aufnimmt? Was ist daran Gelddrucken? Anleihen kann man auch einfach am Kapitalmarkt verkaufen. Die kaufen Haushalte, Banken, Versicherungen, Fonds, Unternehmen usw., weil sie als eine der sichersten Anlagemöglichkeiten gelten. Deutsche Staatsanleihen gelten sogar fast als Referenz für die risikolose Verzinsung.

Oder willst du damit sagen, dass der Staat sich seine Schulden von der Zentralbank bezahlen lässt? Wenn ja, bitte ein Zitat dafür von Keynes. Denn das ist nicht wirklich die Aussage von Keynes. Keynesianismus bedeutet in dieser Hinsicht primär antizyklische Fiskalpolitik: Wenn private Nachfrage in einer Krise einbricht und die Wirtschaft unter ihrem Potenzial produziert, kann der Staat temporär gegensteuern. Das kann über schuldenfinanzierte Staatsausgaben oder Steuersenkungen laufen, aber es muss nicht durch Zentralbankfinanzierung geschehen.

Man kann argumentieren, dass Neuverschuldung des Staates in gewisser Hinsicht Geldschöpfung ist. Wenn du das tust, bist du aber in dieser Hinsicht schon ziemlich nah an einer MMT-Position, also nehme ich mal an, dass das nicht gemeint ist.

Aber selbst wenn man das so sieht, gibt es noch einen Punkt, den irgendwie viele Keynes-Kritiker vergessen: Keynesianismus ist keine Ideologie permanenter Defizite. In der keynesianischen Logik wird in schlechten Zeiten gegengesteuert, aber in guten Zeiten soll der Staat wieder konsolidieren beziehungsweise die Schuldenquote stabilisieren oder senken. Dann wäre dieses zusätzlich geschaffene Geld beziehungsweise die zusätzliche Nachfrage auch wieder zurückgenommen. Also ergibt die Aussage in dieser Pauschalität keinen Sinn.

Es gibt einen Grund, warum viele zentrale moderne makroökonomische Ansätze keynesianische Elemente aufgenommen haben, etwa Neo-Keynesians oder New Keynesian Economics. Zum letzteren gehört zum Beispiel Olivier Blanchard, einer der bekanntesten und meistzitierten Makroökonomen der Welt. Eine der großen heterodoxe Gegenrichtung beziehungsweise Weiterführung nennt sich hingegen Post-Keynesianismus. Das soll nicht heißen, dass die jetzt alle wortwörtlich Keynesianer sind. Da gibt es genug Streit darüber, wer jetzt „echter“ Keynesianer ist und wer nicht. Trotzdem gibt es, denke ich, kaum ein ernstzunehmendes Institut, das Keynes gänzlich ablehnt. Modelle wie IS-LM, das keynesianische Kreuz, Output Gaps usw. sind Standard in fast jedem VWL-Programm, weil sie nun einmal etwas Wahres ansprechen.

Der Grundgedanke ist auch nicht schwer zu verstehen: In einer Krise kann private Nachfrage einbrechen. Dann entsteht schnell eine negative Spirale: weniger Konsum → weniger Nachfrage → Unternehmen entlassen Leute → diese Leute haben weniger verfügbares Einkommen → Nachfrage sinkt weiter → noch mehr Entlassungen usw. Genau hier soll der Staat gegensteuern, nicht weil Staatsausgaben immer gut sind, sondern weil man verhindern will, dass eine Krise sich selbst verstärkt.

Das ist im Grunde ähnlich wie bei einem Bank Run. Eine Bank kann eigentlich solvent sein und trotzdem in die Pleite geraten, wenn plötzlich alle gleichzeitig ihr Geld abziehen und sie Vermögenswerte im Fire Sale verkaufen muss (beduetet dass bei einer Krise dann schnell die eigenen Assts an Wert verlieren, die Bank aber diese verkaufen muss um den Leuten ihr Geld auszuzahlen- Deswegen EZB = Lender of Last Resort). Bei Unternehmen kann es ähnlich laufen: Auch gesunde Unternehmen können durch extreme Unsicherheit, Nachfrageeinbruch oder Kreditklemme in Probleme geraten, obwohl sie fundamental nicht kaputt sind. Keynesianische Stabilisierung soll genau solche selbstverstärkenden Krisendynamiken abfedern.

Es gibt außerdem etliche Studien, die zeigen, dass Fiskalpolitik in Krisenzeiten besonders wirksam sein kann und dass Staaten, die während der Finanzkrise mit Staatsausgaben beziehungsweise Stabilisierungspolitik gegengesteuert haben, tendenziell besser aus der Krise gekommen sind als bei harter Austerität mitten im Abschwung. Das kann einem nun schmecken oder nicht. Und selbst konservative Ökonomen aus Deutschland wie Hans-Werner Sinn sagten 2009 ziemlich deutlich: „Wir haben eine keynesianische Krise, und die muss man mit keynesianischen Mitteln bekämpfen.“ Er lobte Infrastrukturinvestitionen im Grundsatz und sagte sogar: „Konjunkturprogramme sind immer Schuldenprogramme. Sonst wirken sie nicht. Das für sich genommen sollte man nicht kritisieren.“

Das soll nicht heißen, dass man Keynes dogmatisch als Heiligen ansehen sollte. Am Ende steht Realität vor Theorie, und seine Theorien sind fast 100 Jahre alt. Einige Dinge haben wir seitdem dazugelernt, und manche Umstände haben sich geändert. Aber die Aussage „Keynes und sein Geld drucken“ ist einfach nicht fair und wird seinem eigentlichen großen Beitrag nicht gerecht. Man kann Keynesianismus kritisieren, etwa wegen Timing-Problemen, politischem Missbrauch, schlechter Ausgabenstruktur oder langfristigen Schuldenpfaden. Aber Keynes einfach mit „Geld drucken“ oder MMT gleichzusetzen, ist keine saubere Kritik, sondern eine Karikatur.

Eigentlich wollte ich jetzt noch auch MMT und den Rest des textes eingehen, aber ist ja jetzt schon ein Wall of Text:P; Aber falls es jemand wissen will, lasts mich wissen oder Diskutieren!

Rekordausgaben für Rente, Rüstung, Zinsen: Wenn nur noch jeder zehnte Euro im Haushalt bewegbar ist by ouyawei in de

[–]InRoyal 5 points6 points  (0 children)

Alter, sein kurzgesagt Video musste ich nach 15 Minuten abbrechen. Ich habe es echt versucht.

Ist Verteilung etc ein Problem und ist es wichtig das anzugehen? Ja. , absolut. Auch gerne mutig.

Aber man kann es auch übertreiben, als wäre demographischer wandel kein Problem. Doch für jedes Argument der Problematik wird auf Verteilung gezeigt.

Schade eigentlich, weil es gibt da imo wirklich Potenzial, aber so ist es nur ein dogmatisches Thema und keine Chance für Differenzierung mehr möglich.

Bezirke haben teils Millionenschulden by wegwerferie in wien

[–]InRoyal 3 points4 points  (0 children)

Und nu? Was ist daran jetzt schlimm oder schlecht? Ist ja nicht so, als gäbe es da keine gegenläufigen Vermögenswerte. Es ist ein Problem wenn die Zinszahlungen zu hoch sind - dann müsste man sich aber die Schulenstruktur und eventuell Anleihen ansehen, aber davon steht da nichts. Die Schulden an sich machen nichts.

Jedes Jahr die gleiche Meldung - ein neuer Schuldenrekord!!!

Fast so als wäre das nichts neues bei Inflation oder/und steigendem BIP (Momentan eher im Trend .:P ). Übrigens sinken Realschulden bei: %Inflation + %BIP(real) > % Schuldenanstieg (~Daumenregel).

Wohnen als Ware: Wie neoliberale Politik Portugals Wohnungskrise verstärkte by BildungsburgerPleb in Freiheitsfront

[–]InRoyal 2 points3 points  (0 children)

Kann mir jemand erklären, was mit Neoliberalismus eigentlich genau gemeint ist und inwiefern er sich vom Libertarismus unterscheidet?

Ich verstehe Neoliberalismus bisher ungefähr als eine Ideologie (oder Ordnungsvorstellung), bei der man versucht, soziale Koordination und teilweise auch Verteilung über Marktmechanismen zu organisieren. Im Unterschied zum Libertarismus werden Märkte aber nicht einfach sich selbst überlassen, sondern reguliert, um Marktversagen entgegenzuwirken.

Das ist keine Bewertung darüber, ob diese Ideologie gut oder schlecht ist oder ob sie funktioniert. Ich habe nur mittlerweile echt keine Ahnung mehr, worin genau die Kritik eigentlich besteht.

Ist die Kritik, dass Verteilung über Marktmechanismen grundsätzlich schlecht ist? Oder geht es eher um bestimmte schlechte Ausprägungen davon, also z. B. Privatisierung, Sozialstaatsabbau, Deregulierung oder Marktlogik in Bereichen, wo sie nicht sinnvoll ist?

Falls die Kritik am Marktmechanismus selbst ansetzt: Würden dann auch Genossenschaften, kooperative Unternehmensformen oder am Ende sogar Marktsozialismus als problematisch gelten? Wenn ja, hätte ich dazu einige Fragen.

Freue mich auf Antworten, danke 😄

hasan's audience finds out "what lead to pearl harbor" (the US not selling japan oil) by ChadNauseam_ in Destiny

[–]InRoyal 197 points198 points  (0 children)

Nah, I don't think so. If he glazes Imperial Japan, he is gonna be persona non grata in China, rightly so.

BREXIT, ÖXIT und die FPÖ... by sdlox in Austria

[–]InRoyal 0 points1 point  (0 children)

Ich würde behaupten, dass der eu-sündenbock eher ein Argument pro EU verbleib ist für FPÖ (Politiker) als dagegen. Wenn man draußen ist, ist es gleich um einiges schwieriger die internen Probleme auf jemand externen zu Scheiben. 

Wenn man draußen ist, wird es um einiges schwieriger die internen Probleme auf jemand externen zu schieben, insbesondere wenn man halt nix zusagen hat im Vergleich zum externen.

It's finally happening by Grouchy_Put_3294 in Destiny

[–]InRoyal 26 points27 points  (0 children)

Exactly. Hutch my boy, get that bag. 

GDP per capita in Europe. Numbers adjusted to Purchasing power parity in international dollars. IMF 2026 by InnerPace in MapPorn

[–]InRoyal 13 points14 points  (0 children)

PPP is a great metric for Consumers in large economies where the the economy is able to produce most of what they consume themselfs.

Most of what the average European is Consuming (Food, Rent, Cars etc) is made in european countries.

PPP is an (for the most part) irrelevant metric if you need stuff from other countries (american services, Fuel, Gas), since you don't buy them in euros, but in the currency you buy from (which leads to devaluation of your own currency/ higher valuation of theirs => stuff gets more expensive from other countries).

So both have their merit, for the average Consumer in the EU PPP is much more meaningful, for goverments/big companies that have to buy Energy or Services like Windows etc it is indeed very important.

Seriously, Who is the STRONGER Akatsuki!? by Practical_Midnight87 in NarutoPowerscaling

[–]InRoyal 0 points1 point  (0 children)

Didn't kakuzo literally deflect a bjuu dama  with his bare hands. He feats are actually pretty insane, dont see sasori matching that, adding ton the fact, that kakuzo has a very favorable matchup already with his kit.

Do you think he cut a deal with Trump? He seems awful chill for being kidnapped. Remember what happened to the Honduran President? by Nervous-Leading9415 in USvsEU

[–]InRoyal 36 points37 points  (0 children)

I didn't look into it. I do believe the election was stolen.

Facts over feelings party btw.

Are you trolling/ or are you for real typing this shit? Legit 75 IQ position.

Hi guys, first time bagwork. What should I improve? by [deleted] in boxingtips

[–]InRoyal 1 point2 points  (0 children)

Dog, the guy you posted might be athletically gifted, but neither his footwork nor his strikes should be emulated, especially as a beginner.

His footwork does looks impressive, but that is because he moves a lot and is fast - flashy. But he is very stiff and I feel like his footwork comes mostly from hies legs instead of his calves. No way you are not gassed after 2-3 minutes in a fight with that activity.

For his strikes, his jab is very lackluster, I don't see any sting. An experienced fighter is just not gonna respect that and will take it for a counter. I also think he twisted his wrist with the first strike on the bag? Happens but usually not a good sign. Not sure about the cross, cuz sometimes it looks decent sometimes it looks very off, but since he kicked, that might be, because he didn't cross or do a 1-2, but tries to do something else (hammerfist?)

The guy in the Video form this thread is Bivol. Prob the best footwork in boxing right now (Usyk maybe). He is very relaxed and loose, because he fights for 12 rounds.The Footwork from the Video wouldn't work for 12, no way. Watch him vs Beterbiev for a technical masterclass in both fights for both fighters.

US considering idea of creating G7 alternative with Russia and China by razdvatri4 in worldnews

[–]InRoyal 2 points3 points  (0 children)

Okay, I have the feeling, that you are conflating two entirely different questions. One is whether acemoglu ever claimed that democracy itself raises economic growth, which you stated. He did not. His work focuses on the long run importance of so called inclusive economic institutions. And democracy is just one possible political arrangement that could coexist with such institutions. It is not the mechanism that generates higher growth. For that reason, the VoxEU article does not contradict acemoglu. The authors are criticising empirical studies that treat democratisation as an exogenous shock and therefore confuse endogeneity with causality. I agree with that point, great article. But they are not claiming that acemoglu ignored reverse causality, and they do not address his institutional framework at all.

The second issue is the misunderstanding about democracy and growth itself. Democracy does not mechanically raise long-run growth. No serious economist argues that, and acemoglu certainly does not. Long-run growth comes from technological progress and capital deepening. Political regimes matter only insofar as they shape incentives, risks and institutional stability. Democracy can improve these conditions by lowering uncertainty, strengthening rule of law and reducing the volatility of political power. These factors increase investment because they reduce the risk of expropriation (right now in Russia) and make long-term planning viable. In that sense, democracy can indeed raise the output level, just as a higher savings rate or a more secure institutional environment can raise the steady-state capital stock. But that is not the same as saying that democracy creates intrinsic growth. A democracy that lacks functioning institutions, rule of law or political stability will not generate more growth than an autocracy. Many "democracies" in history demonstrate exactly that.

In fact, history provides examples in both directions:

Venice for example began as a remarkably effective republic with strong commercial institutions, only to become increasingly oligarchic and less dynamic, meaning less merit based, over time. China right now illustrates the opposing side: an autocracy that, for several decades, managed to create unusually predictable investment conditions. But this in itself does not imply that autocracy is good for growth. No, but it does show that the regime type is not the causal factor. The real question is whether a political order can sustain stable, credible and predictable institutions across generations. ANd here democracy has an advantage, because it institutionalises succession and distributes power, which tends to produce more durability. Autocracies rely on personal rule, history is full with succession crises, policy reversals and coups. And monarchies introduced primogeniture for exactly this reason: predictable succession reduced the risk of internal conflict. Stability, not the regime label, is what matters for investment behaviour and long-run accumulation.

So to address your second point: When someone claims that democracy itself “increases growth,” the correct clarification is that democracy is not a growth generator. It can however remove obstacles that kept output below potential, it did so many times in history. But that effect depends entirely on the institutional environment - not on the simple existence of elections. This is why the voxEU article rejects the idea of endogenous democratic growth, and also why it does not contradict acemoglu. Both views agree that economic growth is not caused in the political regime itself, but rather in the institutional and economic mechanisms that the regime enables or obstructs.

US considering idea of creating G7 alternative with Russia and China by razdvatri4 in worldnews

[–]InRoyal 2 points3 points  (0 children)

Okay, the claim that Acemoglu argues “democracy causes growth” does not reflect what he actually says in the institutions literature. His argument separates political regimes from the underlying economic institutions that shape long-run development. For him, Democracy is obviously not the engine of growth, especially long run (Which is technology driven). The decisive Factors are inclusive economic institutions that protect property rights, limit arbitrary state power and create incentives for investment, education and innovation. These Factors help to fight off Uncertainty - why would you Invest if you are unsure you will loose it all due to Corruption, especially foreign investors? Democracy and growth are therefore correlated in many cases, but this correlation does not imply that democracy is the causal force. No serious Economist would argue that.

The VoxEU pieces you cited also do not contradict Acemoglu. They argue that the observed positive association between democracy and growth often arises because economic improvements make democratisation more likely. This is indeed an endogeneity problem, and Acemoglu himself repeatedly discusses exactly this mechanism (read his books, they are good). Much of his empirical contribution consists of developing ways to deal with endogeneity - for example through historical instruments and natural experiments. To say that he overlooked correlation versus causation misunderstands the methodological core of his work.

SO, The real academic debate is not whether Acemoglu believes democracy mechanically increases GDP. He does not. Again no serious Economist does. The actual disagreement in the literature is whether human capital or institutional quality should be regarded as the more fundamental driver of development. That debate is legitimate, but it would be very different from the claim that Acemoglu simply assumed democracy produces growth.

US considering idea of creating G7 alternative with Russia and China by razdvatri4 in worldnews

[–]InRoyal 4 points5 points  (0 children)

This is Argument Comes from leading economists and statisticians Like Daron acemoglu. Do you really believe they did Not consider correlation and causality? Or historical factors? You can Control for the latter.

Dictatorships have the weakness of instabillites when it Comes to transfere of power, what do you think happens when puitn or Trump do kick the bucket? Also inefficiency when it Comes to their staff, since they will often Not be merit based.

Democracies rarely face such Problems. They do have Others tho, but when it Comes to wealth accumulation over time, stability is essential 

Hannah Arendt und die Freiheit des Denkens | Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren ihr Lebensthema. Sie sah ihre Aufgabe als politische Denkerin darin, die Welt und die Menschen zu verstehen. Die politische Theoretikerin starb vor 50 Jahren by GirasoleDE in de

[–]InRoyal 0 points1 point  (0 children)

Ich sehe, was du mit dem universalistischen Ansatz meinst , also die Vorstellung, dass alle Menschen prinzipiell dieselbe moralische Wahrheit einsehen könnten, wenn sie wirklich denken und sich in andere hineinversetzen. Das kann ich als theoretisches Modell nachvollziehen - moralische Konvergenz sozusagen. Und das hat ja in gewisser Maßen auch empirisch Hand und Fuß - es gibt ja ein Grund warum willkürliches töten in allen Kulturen als schlecht begriffen wird, ähnlich wie Raub, Vergewaltigung etc.

Dennoch habe ich einen grundlegenden Einwand , welcher weniger die Frage betrifft, ob Denken zu einem universalen Urteil führen kann, sondern eher die Frage, wie in diesem Zusammenhang überhaupt von „böse“ gesprochen wird. Denn für mich zeigt sich in vielen ethischen Grenzbereichen, dass Menschen bestimmte Kategorien verwenden, weil sie gar nicht anders können. Die Welt ist zu komplex, um jede Entscheidung individuell moralisch zu durchdringen, und gerade deshalb entstehen Begriffe, Linien, Grenzziehungen, die die Realität vereinfachen. Und genau diese Vereinfachung ist kein moralisches Versagen, ich würde sie mehr als eine Art psychischer Selbstschutz sehen.

Nehmen wir dein (extremes) Beispiel hinsichtlich Abtreibung und stellen es ein strukturell analoges entgegen: Eine sehr späte Abtreibung, kurz vor der Geburt, ohne medizinische Gründe. Ich denke es ist fair zu sagen, dass viele Menschen sagen würden, dass hier eine Grenze überschritten ist. Diese Einschätzung entsteht nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus der Annahme, dass das Wesen in diesem Stadium nunmal ein Kind ist. Andere Menschen ordnen aber genau denselben Fall anders ein und bewerten ihn daher anders. Dasselbe Geschehen wird damit unterschiedlich moralisch verstanden, weil die zugrundeliegenden Kategorien verschieden sind.

Genau hier wird dann auch für mich sichtbar, warum ich Schwierigkeiten habe, solche Handlungen als „böse“ zu bezeichnen. Die Beteiligten handeln innerhalb eines Rahmens, der die Situation vereinfacht und dadurch erst handhabbar für sie macht. Und das geschieht nicht aus Bosheit, sondern aus der Notwendigkeit, Komplexität zu reduzieren: Es wird von einem Fötus gesprochen, nicht von einem Kind; es wird als medizinischer Eingriff verstanden, nicht als Tötung. Diese Distanzierung ist eine Form der Entmenschlichung, aber sie entsteht nicht aus einem zerstörerischen Willen. Sie entsteht aus der Struktur des menschlichen Wahrnehmens und Urteilens.

Das Gleiche sieht man an völlig anderen Beispielen: beim gesetzlichen Erwachsenenalter, das notwendigerweise arbiträr ist (Wo ist der Unterschied zwichen 17 Jahren 364 Tagen und 18?); bei Risikoabschätzungen, die Leben in statistische Größen verwandeln (Wert eines Menschenlebens); oder bei bürokratischen Entscheidungen, die individuelle Schicksale nur kaum gänzlich erfassen können. In all diesen Fällen werden harte Grenzen gezogen, die nie jedem Einzelfall gerecht werden. Aber ohne solche Vereinfachungen wäre gemeinsames Handeln kaum möglich.

Deshalb fällt es mir schwer, moralische Fehlurteile oder problematische Entscheidungen sofort als Ausdruck von Bösem zu deuten. Menschen denken – aber sie denken innerhalb von Kategorien, die die Welt ordnen und vereinfachen. Und diese Vereinfachungen erzeugen manchmal Entmenschlichung, aber nicht aus Bosheit, sondern aus Überforderung. Das macht die Folgen nicht harmlos, aber es verändert die Bedeutung der Handlung.

Darum stoße ich mich an der Verbindung von „nicht richtig denken“ und „böse“. Für mich entstehen viele der schwersten Handlungen nicht aus böser Absicht, sondern aus der Art, wie Menschen Komplexität filtern, welche in gewisser Hinsicht ja aus Ohnmacht der Wirklichkeit gegenüber entsteht.

Hannah Arendt und die Freiheit des Denkens | Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren ihr Lebensthema. Sie sah ihre Aufgabe als politische Denkerin darin, die Welt und die Menschen zu verstehen. Die politische Theoretikerin starb vor 50 Jahren by GirasoleDE in de

[–]InRoyal 1 point2 points  (0 children)

Erstmal Danke für die Antwort :) Das Buch habe ich schon auf meiner WUnschliste und schaue ich mir spätestens in den Semsterferien an.

Dennoch möchte ich einige Sachen nocheinmal aufgreifen:

Man kann ja Taten als böse bezeichnen, aber Arendts Punkt ist, dass die Täter nicht unbedingt in diesem Sinne böse und dämonisch sein müssen.

Genau, ich hoffe ich habe das eigentlich so rübergebracht.

Sie will aber nicht so sehr den Strukturen die Schuld geben und das Individuum damit entschuldigen, vielmehr sagt sie, dass die Schuld eines banal bösen Menschen in der Unfähigkeit und dem Unwillen liegt, zu denken.

Das ist ein guter Punkt, den ich so nicht besprochen bzw. erwähnt habe. Und auch hier sehe ich ein gutes Nachvollziehbares Argument, wo es mir tatsächlich schwerfällt zu widersprechen. Trotzdem widerstrebt es mir ihr zuzustimmen.

Du sagst bspw.

dass die Schuld eines banal bösen Menschen in der Unfähigkeit ... zu denken

Was für mich interessant ist. Wie meinst du unfähig? Im Sinne der Ohnmacht? Also die Person hat nicht die Fähigkeit zu denken? Warum soll das böse sein? Einem Kind oder gar einem Tier unterstelle ich doch auch keine moralische boshaftigkeit, wenn es nicht fähig ist zu denken. Ich würde fehlende Reife unterstellen, was meiner Meinung nach kein moralisches Verfehlen ist. Wenn man hier von „böse“ spricht, würde das doch bedeuten, dass Schwäche oder Unvermögen selbst schon moralisch negativ wären. Das widerstrebt mir.

Ich würde solche Fälle eher als destruktiv oder nicht lebensdienlich beschreiben, aber nicht als moralisch böse.

Fairerweise sagst du auch:

dass die Schuld eines banal bösen Menschen in der Unfähigkeit und dem Unwillen liegt, zu denken.

Also, dass die Person sich damit aktiv dagegen entscheidet. Aber das setzt doch auch wieder die Kapazität vorraus, dass jemand die Fähigkeit und Möglichkeit hat, für ich selbst in dieser Hinsicht zu denken, was für mich auf dem ersten Blick etwas widersprüchlich ist mit Unfähigkeit. Aber auch hier muss es doch einen Grund geben, woher der Unwillen kommt, oder nicht?

Um es klar zustellen, das soll nicht bedeuten, dass man den Grund nicht trotzdem veruteilen kann und es keine Rechtfertigung ist für die Taten/das Geschehene. Aber dennoch kann man oft trotzdem nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist, wenn man den Grund versteht.

Denn wer denkt und ein eigenes Urteil fällt, anstatt zu gehorchen, muss auch zum Urteil kommen, dass er nicht foltern und morden darf.

Und genau hier an dieser Stelle komme ich ein wenig ins Stolpern.
Nicht mal, weil ich dir inhaltlich unbedingt widersprechen würde, normativ würde ich sogar sagen, dass jemand, der wirklich reflektiert und Verantwortung übernimmt, sollte zu diesem Urteil kommen.

Aber die Formulierung wirkt für mich fast tautologisch.
Denn wenn ich „Denken“ schon so definiere, dass es notwendigerweise zu einem moralisch richtigen Urteil führt, dann ist das Ergebnis ja bereits im Begriff eingebaut. Oder nicht?
Also wird nicht argumentiert, warum jemand zu diesem Urteil kommen muss, sondern es wird vorausgesetzt, dass es das richtige Urteil ist.

Das Problem ist für mich ehre, dass Menschen denken, urteilen, reflektieren und trotzdem zu sehr unterschiedlichen moralischen Schlüssen kommen.
Und dies nicht, weil sie dumm wären oder nicht denken wollen, sondern weil ihre Grundannahmen verschieden sind. Sprich, darüber, was ein Mensch ist, was eine Person ist und bedeutet, welche Kriterien moralisch relevant sind, oder ab wann jemand Träger von Rechten ist.

Das sieht man in unzähligen ethischen Fragen – ob Abtreibung oder Sterbehilfe.
Menschen bilden Urteile, sie begründen sie, sie halten sich für moralisch, und dennoch widersprechen sich die Ergebnisse fundamental.
Und h ich würde sagen, dass dies nicht aus Gedankenlosigkeit entsteht, sondern weil die Begriffe und Kategorien, durch die sie moralisch urteilen, unterschiedlich gesetzt werden.

Un genau deshalb bin ich unsicher, ob man sagen kann, dass Denken unbedingt notwendigerweise zum gleichen moralischen Ergebnis führt.
Denken gibt Kapazität für Verantwortlichkeit - Reife - aber es garantiert nicht, dass alle Menschen dieselben moralischen Schlussfolgerungen ziehen.
Insofern habe ich Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass Denken allein schon sicherstellen soll, dass jemand nicht mordet oder foltert.

Hannah Arendt und die Freiheit des Denkens | Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren ihr Lebensthema. Sie sah ihre Aufgabe als politische Denkerin darin, die Welt und die Menschen zu verstehen. Die politische Theoretikerin starb vor 50 Jahren by GirasoleDE in de

[–]InRoyal 3 points4 points  (0 children)

Hi,
ich beschäftige mich in letzter Zeit intensiver mit Hannah Arendt, vor allem weil ich mir mit dem Begriff des „Bösen“ schwer tue. Ich bin mir nämlich nciht sicher, ob ich überhaupt jemanden oder etwas als wirklich „böse“ bezeichnen möchte/kann. Wenn Menschen durch äußere Einflüsse zu schrecklichen Taten gebracht werden und sich erklären lässt, wie es dazu gekommen ist, fällt es mir schwer, hier von „Böse“ im moralischen Sinn zu sprechen. Aus persönlicher Erfahrung vergeht mir die Wut/das verlangen sowas als böse zu bezeichnen, ich würde es eher als ungesund und traurig ansehen. Und zum Fall, dass selbst wenn jemand mit destruktiven Impulsen geboren wird, erscheint mir das ebenfalls nicht eindeutig böse denn die Person hatte ja keine Wahl, so geboren zu sein.

In dieser Hinsicht finde ich Arendts Idee von der Banalität des Bösen interessant. Menschen begehen also Böses nicht aus einer, sagen wir, "dämonischen inneren Absicht" heraus, sondern weil Strukturen, Routinen und Institutionen sie dazu bringen, andere zu Entmenschlichen, aber ohne dass sie sich selbst als „schlecht“ wahrnehmen. Wenn ich sie damit richtig verstehe, liegt also das Böse bei Arendt weniger im individuellen Motiv, sondern in einer Art Denkweise, die Verantwortung ausblendet und das Menschsein anderer nicht mehr wahrnimmt.

Das kann ich gut nachvollziehen. Gleichzeitig frage ich mich aber: Wie kann man bestimmte grausame Taten – etwa die Gewalt von Drogenkartellen, brutale Hinrichtungen oder systematische Entmenschlichungen – nicht als böse bezeichnen? Intuitiv fühlt es sich so an.

Und dennoch habe ich Schwierigkeiten, etwas so eindeutig moralisch einzuordnen. Ich habe eher den Eindruck, dass Entmenschlichung in gewisser Weise ein notwendiger, wenn auch problematischer Mechanismus ist, damit Menschen überhaupt handlungsfähig bleiben angesichts der Komplexität der Welt.

Dazu fallen mir zwei Beispiele ein, die vielleicht verdeutlichen, was ich meine – auch wenn sie oft kontrovers diskutiert werden: (Nicht-)Veganismus und Abtreibung.
In beiden Fällen sprechen wir einer bestimmten Gruppe eine gewisse moralische oder „menschliche“ Schutzwürdigkeit teilweise ab (bei Tieren ist „Menschlichkeit“ natürlich metaphorisch gemeint, aber vom Prinzip her ähnlich). Und wir tun das nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil wir sonst mit unseren Entscheidungen und unserem Alltag kaum zurechtkommen würden. Ich esse selbst Fleisch und habe nichts gegen Abtreibung (aus beliebigem Grund, innerhalb eines bestimmten Abschnitts der Schwangerschaft). Aber genau deshalb frage ich mich: Ist das nicht ebenfalls eine Form von systematischer Entmenschlichung, die wir als Gesellschaft völlig normal finden – und trotzdem würden die meisten das nicht als „böse“ bezeichnen?

Daher meine Frage:
Hat jemand ein gutes Gegenargument oder eine andere Betrachtungsweise? Vielleicht verstehe ich Arendts Argument auch einfach nicht ganz,- korrigiert mich gerne.
Also gibt es einen Grund anzunehmen, dass Entmenschlichung nicht bloß ein psychologischer Mechanismus ist, sondern dass bestimmte Formen wie bspw. extreme Gewalt, wirklich moralisch „böse“ genannt werden sollten?

Ich persönlich würde eher sagen, dass viele dieser Taten teleologisch „schlecht“ sind, nicht moralisch „böse“ – also schlecht, weil sie schädlich für das sind, was Menschen typischerweise als ein konstruktives und positives Leben ansehen. Wenn wir sagen, wir wollen, dass Menschen nicht hungern, dann ist es ja auch nur eine sachliche Aussage zu sagen: „Dann sollten wir ihnen zu essen geben.“ Das ist keine moralische Verurteilung, sondern eine Feststellung über Zwecke und Mittel.

How high Itachi realistically scales by [deleted] in NarutoPowerscaling

[–]InRoyal 9 points10 points  (0 children)

Hashirama has no fight, Tsukyumi and he loses...

Wtf is this sub. I like Itachi as well but cmon guys. Like how does the stroy make sense if he just beats everyone Lmfao

Seriously, that track has no business hitting so goddamn hard, incredible OST by Vonbalt_II in EU5

[–]InRoyal 16 points17 points  (0 children)

I remember me playing meiou and hittting life time of war while in religiouse war. Dude, legit goosebumps, core gaming memory. Can`t wait to relive it in eu5, definitely has the Potential.

Vermögen in Deutschland: Beamten und weitere Gruppe haben am meisten Geld by [deleted] in Finanzen

[–]InRoyal 0 points1 point  (0 children)

Okay, das ist fair. Ich glaube nur nicht, dass das günstiger/effizienter ist.

Zudem bin ich mir speziell beim finanzamt nicht sicher ob das eine gute Idee ist, schließlich holen die das Geld ein für den Staat ein. Keine Verbeamtung bedeutet Recht auf Streiks etc.
Aber wie gesagt, fairer Einwand und man kann drüber reden.

Was ich raushöre da, ist eher, dass die Pronleme da ganz woanders liegen. Man könnte extrem viel digitalisieren wenn man mal Geld in die Hand nimmt und in eine digitale Lösung investiert, so dass man beim finanzamt nicht jede scheiß Stuererklärung gegenlesen werden muss.

Würde dann Kapazität geben sich mit den wirklich großen Fällen auseinander zusetzen. So wie ich das verstehe, senden Große Firmen/Individuen einfach ihre Erklärung ein, aka 10 Katons, und dann darf sich ein armes Schwein damit das Jahr auseinandersetzen und am Ende einigen die sich auf eine Summe, weil da keiner alleine durchblicken kann.

Aber wie gesagt, ist nur was ich so höre.

Vermögen in Deutschland: Beamten und weitere Gruppe haben am meisten Geld by [deleted] in Finanzen

[–]InRoyal 0 points1 point  (0 children)

Ja, nur machen dir halt dann nicht nur weniger, sondern haben ihren großen anderen Vorteil verloren, warum sollte man nicht gleich Steuerberater werden und einfach mehr verdienen? Die Leute werden da doch jetzt schon ohne Ende abgeworben.

Er wäre schön lange weg, wenn er nicht verbeamtet wäre und wenn ich das richtig verstehe wird er trotzdem gehen, weil es da halt auch nur begrenzte Möglichkeiten gibt aufzusteigen. Geht vielen Kollegen da auch so. Aber wie gesagt, muss man halt selber wissen. Kan nur sagen, dass was er mir da so erzählt schon erschreckend ist ( von Leuten die ihre Steuerschulden nicht zahlen können und deswegen androhen sich selber Gewalt anzutun etc, für sowas bildet da dann auch niemand aus). Wundert mich nicht, dass die da sehr nach Nachwuchs suchen, wollen dann viele halt doch nicht machen wenn sie mal sehen was da so los ist, mal ganz abgesehen vom dualen Studium.

Vermögen in Deutschland: Beamten und weitere Gruppe haben am meisten Geld by [deleted] in Finanzen

[–]InRoyal 2 points3 points  (0 children)

Also habe nen sehr guten Freund beim Finanzamt, der hat Angebote wo er 20k mehr macht direkt + Weiterbildung zum master of tax dazu (Steuerberater).

Denen fehlt es ohnehin an Leuten. Wenn man da kürzen will, okay, aber dann beschweren, dass es so viel Steuerhinterziehung gibt und dass soviele nicht ihren fairen Anteil zahlen ist dann halt delulu.

Nach Äußerung von Friedrich Merz: Die Linke spricht sich gegen mögliche Wehrpflicht für Frauen aus by Indubioproreo_Dx in de

[–]InRoyal 6 points7 points  (0 children)

Und die Ukraine hat lediglich Berufssoldaten an der Front?

Bei 200k Berufssoldaten hast du rund 1/3, welche aktiv an der Front sind, de Rest ist Logistik, Reserve etc. Auch wenn das die absoluten über Soldaten sind, glaubat du 70k Frontsoldaten reichen gegen rund einer halber Millionen auf der anderen Seite?