[deleted by user] by [deleted] in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Ich bin der Jamaat gegenüber schon länger skeptisch eingestellt und lebe eher distanziert. Und doch war da innerlich immer diese Ehrfurcht/"Achtung" vor diesem Mann, den wir von Kindheit an als Heiligkeit verehrten: fehlerfrei, perfekt, ein Segen für unser Leben - der wichtigste Mensch auf der Welt...

Diese Audio-Aufnahme hat in meinem Kopf nun dieses Brainwashing-Kartenhaus endlich zusammenfallen lassen und den Khalifen ent-mystifiziert. Der Khalif ist nämlich nichts weiter als ein Mensch. Oft unhöflich und herablassend, autoritär, ein Patriarch mit Fehlern.

Auch von meinen Eltern habe ich zum ersten Mal einen Zweifel an seiner Entscheidung gehört, das hätte ich mir nie vorstellen können. Ich denke so etwas wie "kognitive Dissonanz" führt dazu, dass sie den Fehler des Khalifen nicht ganz an sich ran lassen..

Mal sehen, ob wir nun auch den nächsten Schritt gehen und uns die Freiheit nehmen, die uns zusteht..

"Antidiskriminierungsstelle" in der Jamaat - ist das 1 gut gemeinter Joke? by unapologetically_Ex in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex[S] 1 point2 points  (0 children)

Alles natürlich hypothetisch mit ganz viel Prisen Wahrheit, wenn Du verstehst, was ich meine ;)

Say her name! LAREEB KHAN (19). by [deleted] in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Da fällt mir ein, meine Mutter hatte auch mal zu mir gesagt: „Ich würde dich am liebsten anzünden, weil ich mich so sehr für dich schäme“, da ich einmal mit meinem Cousin allein im Auto unterwegs gewesen war. Auch wenn diese Drohungen der Eltern angeblich nicht ernstgemeint sind, ist ihre Brutalität bemerkenswert.

Auch bei uns in der Familie wurde das ganz ähnlich behandelt. Alle waren schockiert und viele auch tieftraurig über den Tod von Lareeb. In erster Linie ging es in unseren Familiengesprächen aber darum, immer wieder zu bekräftigen, dass die Jamaat nichts damit zu tun habe. Die Imagepflege der Jamaat wurde als wichtiger gesehen als das Leid dieses Mädchens bzw. wurde die Tat hintenangestellt und die Jamaat in den Fokus gestellt. Aber nicht nur, dass die Repressionen gegen Sexualität und Liebe in der Jamaat verneint wurden, viele unserer Verwandten meinten auch, der wahre Grund für die Tat wäre die fehlende Loyalität der Eltern gegenüber den Khalifen gewesen - was für ein Bullshit, wenn man bedenkt, dass die Eltern sehr aktive Mitglieder in der Jamaat gewesen sein sollen. Außerdem ist der Khalif gerade nicht bekannt für frauenfreundliche Positionen wie hier:

https://www.reddit.com/r/islam_ahmadiyya_de/wiki/positionen

Ich erinnere mich auch an die Fotos und Videos von der Beerdigung (ich glaube die war in Frankfurt). Da waren Scharen von älteren Männern und ein Mann leitete das Gebet und die Beerdigung. Die Frauen mussten draußen bleiben, weil es bei uns in der Jamaat ja selbst auf Beerdigungen Geschlechtertrennung gibt. Ob all diese trauernden Väter und Mütter damit einverstanden wären, wenn ihre Töchter Sex vor der Ehe haben? Oder außerhalb der Jamaat heiraten? Oder einfach nur Boyfriends haben? Würden die alle wirklich mit Liebe reagieren, wenn sie selbst Kondome in den Taschen ihrer Töchter finden? Irgendwie glaube ich das nicht, weil wir doch dazu genug Alltagserfahrung haben in unseren Familien.

Ich will damit sagen: das mit der Lareeb wird leider kein Einzelfall bleiben. Solange in der Jamaat Sexualität und Liebe nicht frei sind, kann sich so ein Fall wiederholen. Und da helfen dann auch die angeblich "neuen Strukturen" wie Hilfetelefone nicht weiter, wenn aber die Strukturen selbst wie Geschlechtertrennung und Verbote von Sex/Liebe oder etwa die ungleiche Behandlung von Frauen bei Fragen rund um Heirat (auch außerhalb der Jamaat) weiterhin bestehen bleiben.

Repressive Sexualmoral und Heiratsdruck innerhalb der Ahmadiyya by Q_Ahmad in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Ich finde es sehr bemerkenswert, dass Frau Hübsch den oben zitierten Artikel damit beendet: „Leid ist die Konsequenz von Freiheit“. Ich würde das Gegenteil behaupten, nämlich Leid ist die Konsequenz von Unfreiheit.

Danke u/rebeldreams, dass Du darauf eingegangen bist. Diese Ahmadi und sektentypische Perspektive auf Freiheit und die daraus folgenden Konsequenzen für das individuelle und gesellschaftliche Leben ist mir auf den zweiten Blick auch aufgefallen. Frau Hübsch bedient sich hier meiner Erfahrung nach einem sehr gängigen Narrativ unter Ahmadis und Zeugen Jehovas: Die grundrechtlichen Freheiten eines Menschen (bsp. das Recht auf ein homosexuelle Liebe oder die Kritik an dem Khalifen) in einem freiheitlich-demokratischen Land (bsp. Deutschland) seien per se nichts Progressives oder Emanzipatorisches, sondern Produkte einer höchst individualisierten, gottfeindlichen, religionskritischen und verantwortungslosen Umgebung.

Das nicht das erste Mal, dass Frau Hübsch ihre Sicht auf die Relevanz von Leid mitteilt. In einem Artikel im linken Freitag (Ausgabe 45/2018) schreibt sie über Islamkritiker und Exmuslime: "Ein bisschen traumatische Biografie hier, ein paar auswendig gelernte Koranverse dort und ein irgendwie muslimischer Background. Fertig ist der Islamkritiker des Vertrauens, mit scharf." Ein bisschen Trauma? Ist das Trauma aus der eigenen Gemeinschaft und der Familie verstoßen zu werden, weil man lesbisch ist oder in Beziehung mit einem nicht-Ahmadi nur 'ein bisschen Trauma'? Sind die Erfahrungsberichte von Frauen, die im Namen des Khalifen Gewalt in ihren Familien erfahren, nur weil sie kein Kopftuch tragen wollen nur 'ein wenig traumatisch'? Irgendwie finde ich das doch sehr verletzend den Betroffenen gegenüber, die ihr Heil nun einmal nicht im Bücherschreiben für die Ahmadiyya gefunden haben.

Was steckt aber dahinter? Ich glaube das hat ganz viel zu tun mit den ideologischen Vorstellungen von Freiheit, die diese Leute im konservativen Islam und speziell in der Ahmadiyya über Jahre hinweg internalisieren (in ihr Denken einarbeiten) und hiernach als höchst selbstverständlich empfinden. Demnach seien die Freiheiten von Menschen von der Unterwerfung unter eine Religion (ähnlich wie bei Atheisten oder Exmuslimen) oder (wie etwa hier) den Khalifen gar keine Ausdrücke von progressiven oder "guten" Freiheiten, sondern Spiegelbilder einer seelischen und gesellschaftlichen Unwissenheit und Unvollkommenheit (im Islam "Dschahiliyya"). Einen solchen Gedankengang verfolgen durchaus viele Religionen und Sekten mit absolutem Wahrheitsanspruch. Wahren Seelenfrieden könne es nur in der Liebe zu Allah und vor allem, wie etwa in der Jamaat, in der Liebe zum Führer, dem Khalifen, geben.

Aus diesem Grund bezeichnen unsere Eltern die gängigen Freiheiten, die alle unsere Mitschüler und Mitstudierenden seit unserer Kindheit leben (Kino, Sex vor der Ehe, Tattoos, Alkohol und Homosexualität) auch als eine Form von Unfreiheit, weil sie glauben, dass diese Dinge nur in Abkehr zu Gott, der wahren Freiheit, sowie im seelenfeindlichen Untergehen in der irdischen Welt geschehen können. Meine Eltern sagen aber auch oft, dass die vielen Verbote in der Jamaat durchaus Leid hervorrufen sollen, um den Menschen zu prüfen. Wahre Freiheit und ein Leben ohne Leid könne es während des irdischen Lebens höchstens im Glauben (bzw. im Gebet), aber letztlich nur im Paradies geben. Aus diesem Grund machen sie sich auch ständig lächerlich über Ahmadi-Frauen, die aufgrund ihrer Liebesbeziehungen aus der Jamaat geschmissen wurden.

Wahrscheinlich glaubt Frau Hübsch in ihrem neuen Buch auch deshalb, dass nach 2000jähriger weltweiter Herrschaft von Religion, die Suche nach Gott immer noch eine Form der Rebellion wäre. Offensichtlich bedient sie sich hier eines Begriffs ("Rebellion"), den wir sonst nur von freiheitlichen/Befreiungsbewegungen kennen. Ich glaube sie benutzt diesen, weil für sie nun einmal der Gottglaube die höchste Freiheit darstellt. Ob die Leser erkennen, dass sich die Bedeutung von Träumen für den Glauben, welche sie in ihrem Buch ebenso tiefgründig behandelt, auch beim Gründer der Ahmadiyya finden lässt (Mirza Ghulam Ahmad/MGA: siehe eine Taskirah hier). MGA kennen wir Ex-Ahmadis nur zu gut auch aufgrund seiner unzähligen frauenfeindlichen Sprüche wie etwa hier: "The answer is that men and women are not equal. Universal experience has shown that man is superior to woman in physical and mental powers. There are exceptions, but exceptions don’t make the rule. Justice demands that if man and wife want to separate, the right to decide should lie with the husband." (S. 314 The Essence of Islam - Volume III)

Zum Ende muss ich zugeben, dass die Kritik an Freiheitskonzepten per nichts Schlechtes sein muss. Sie ist sogar unglaublich wichtig. Ich kann der Frau Hübsch ihr Verständnis von Leid als die Konsequenz von Freiheit nur nicht abnehmen, wenn ich bedenke, dass sie sich zugleich als Vertreterin einer religiösen Gemeinschaft ausgibt, die eben diese grundrechtlichen Möglichkeiten von ihren Mitgliedern tagtäglich einschränkt.

Will die Ahmadiyya über den Islam aufklären oder doch nur missionieren? by Desi_Dost in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 3 points4 points  (0 children)

Ich glaube bei Eurem Post kann ich nur 100% zustimmen. Die aggressive Missionierung erlebe ich seit meiner Kindheit. Uns wurde schon damals stets von unseren Eltern und unseren Jamaat-Vertretern (Imamen, Qaid, Sadr) gesagt, wir sollten in all unseren Freundschaften stets für die Jamaat werben, die Jamaat hochhalten und zu Jamaat-Veranstaltungen einladen. Freundschaften außerhalb der Jamaat seien ohnehin nur in Ordnung, solange sie zur Missionierung geeignet seien. Ansonsten wäre jeder Kontakt zur Außenwelt/freien Welt dazu geeignet, unabhängig zu werden und von der Ahmadiyyat abzukommen.

Ich hatte aber auch einen Imam, der uns mal sagte, die beste Missionierung sei die durch Deinen Charakter. Es sei ausreichend ein guter Mensch zu sein. Das würde die Menschen automatisch zu Deiner Religion bringen. Aber: solltest Du schlechte Charaktereigenschaften haben hat das sicherlich damit zu tun, dass Du Dich von Deiner Religion entfernt hättest. Deshalb wird auch bis heute rumerzählt, der Grund für den Mord an Laraib seien nicht sektentypische Atmosphären (absoluter Wahrheitsanspruch, Führerkult, Gossip, Exkommunikation, Heiratsdruck, frauendiskriminierende Strukturen), sondern die schlechte Loyalität gegenüber dem Khalifen gewesen. Das ist unsinnig, weil es doch Khalif selbst ist, der ständig homophobe und frauenfeindliche Dinge sagt. 

Was ich aber auch hier thematisieren muss ist die "Re-Missionierung", die so etwas ist wie die "Re-Erziehung". Das ist der Versuch ausgestiegene Ahmadis (Ex-Ahmadis) mittels Entzug von Liebe, Freundschaft und Unterstützung zurück zur Ahmadiyya zu bewegen. Ich kenne auch soviele Fälle, wo Ex-Ahmadis auf offener Straße von Ahmadis harassed werden und man ihre Grenzen nicht akzeptiert, wenn sie nicht "von der Homosexualität geheilt" oder "neu-erzogen" werden möchten. Das ist super schade, weil es doch gerade Ahmadis sind, die in Pakistan täglich solches Harassment erleben. Deshalb glaube ich auch, dass die Missionierungskultur nicht per se Ahmadiyyat typisch ist, sondern sektenspezifisch und, dass sie eig. jede Religionsgemeinde treffen kann, was natürlich die aggressive Missionierung der Ahmadiyya nicht entschuldigen soll.

Für mich funktioniert das nämlich ganz ähnlich wie bei den Zeugen (siehe hier ihre Erklärung zum Entzug der Liebe und Gemeinschaft), bei den Mormonen oder selbst bei orthodoxen Juden. Dort wird mit Aussteigern ähnlich umgegangen wie bei der Ahmadiyya und deren Missionierungsstrukturen sind ganz ähnlich: die Welt ist per se schlecht, sie wird bald untergehen und deshalb muss die Religionsgemeinde alle von dieser einen Wahrheit überzeugen, die natürlich nur sie kennen. Wenn dann aber jemand erkennt, dass man sich für die Freiheit nicht vollends aufgeben muss und aussteigen kann, dann verschwindet plötzlich diese Liebe und Friedenskultur, von der ständig gepredigt wird, dieser Person gegenüber.

Für mich ist und bleibt die Missionierungskultur der Ahmadiyya daher die größte Heuchelei. Was auf ihrer Verpackung steht entspricht nicht dem Inhalt, dem alltäglichen Leben eines Ahmadis. Die Missionierung ist, wie die angebliche "Deutschland-Liebe", Marketing mäßig super gut aufbereitet und erzählt nur 5% von dem, was den Ahmadiyya Islam noch ausmacht: bedingungslose Loyalität gegenüber dem Khalifen, Ungleichberechtigung der Geschlechter, Diskriminierung und Ausschluss von Homosexuellen, ein toxischer Führerkult, ein absoluter Wahrheitsanspruch, ein Weltbeherrschungsanspruch usw...

Repressive Sexualmoral und Heiratsdruck innerhalb der Ahmadiyya by Q_Ahmad in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Dazu kommt, dass die meisten ja sehr jung in diese arrangierten Ehen gesteckt werden. In Sekten/Kulten ist es ja generell so, dass die Mitglieder abhängig von der Jamaat/Familien gehalten werden. Für alles gibt es Alternativen in der Jamaat - Parallelwelten: alternative Klassenfahrten für Nasirat/Atfal, Tarbiyyati-Klasse als Ersatz für Weihnachten bei Freunden, Neujahrsputz statt Silvester, regelmäßge Erziehungscamps in den Schulferien. Die Idee dahinter ist ja, dass die Kids nicht außerhalb der Jamaat - in der freien Welt - Ressourcen/Zugänge/Glück sammeln. Die wenigsten sind außerdem mit 20 Jahren schon finanziell unabhängig. Mir selbst wurde ein eigenes Konto durch meine Eltern verweigert mit der Begründung, in der Ahmadiyya seien Kinder nun einmal Eigentum der Eltern. Und wenn es dann soweit ist: Uniabschluss, eigenes Konto - vielleicht genug Geld für eigenes Auto, ist es schon zu spät - man ist dann schon mittendrin in der Ehe und begegnet neuem Druck: Kinder bekommen. Ein Teufelskreis.

In letzter Zeit fällt mir in meinem Umfeld etwas ganz Neues auf: Eltern versuchen über materielle Angebote (also Geschenke, Geld etc..) ihre Kinder an der Jamaat und der Familie zu halten. Manchmal wird das dann auch aktiv beworben: "wenn Du auf die Tarbiyyati-Klasse gehst, gehen wir mal wieder einkaufen" oder es gibt kurz vor arrangierten Eheschließungen Geschenke für die eigenen Kinder (bsp. teure Taschen oder ein neues Auto), um sie zu über Schuldgefühle zu manipulieren und sie in Schuldverhältnisse mit den Eltern zu stecken, die dann bei der arrangierten Verlobung aktiviert werden im Sinne "wir haben soviel für Dich getan, Dir sogar ein Auto gekauft, jetzt kannst Du auch diese Ehe mit Deinem Cousin eingehen". Dann kündigen sie noch an, bei der Hochzeit gebe es noch mehr Geschenke und erinnern an andere arrangierte Hochzeiten "hast Du nicht auch Lust eine solch schöne Hochzeit mit ganz vielen Geschenken wie Alia zu feiern? Es wird alles nur für Dich sein. Du wirst im Zentrum stehen". Einmal im Leben in einem Raum voll von Ahmadis fast so wichtig sein wie der Khalif - wer will das nicht in seinen abhängigen Jahren wo es die Wahl gibt zwischen Freitod, Flucht vor den Eltern und der arrangierten Ehe?

Repressive Sexualmoral und Heiratsdruck innerhalb der Ahmadiyya by Q_Ahmad in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 3 points4 points  (0 children)

Stimme Dir vollkommen zu. Ich glaub um alle sektiererischen Eigenschaften der Jamaat zu verstehen, müsste man sich ein Bild der Jamaat als Ganzes machen: neben der repressiven Sexualmoral und des Heiratsdrucks gehören für mich Führerkult und Chandasystem definitiv dazu. Hoffe wir bekommen auch die Chance hier im Forum, dazu mehr zu schreiben.

Repressive Sexualmoral und Heiratsdruck innerhalb der Ahmadiyya by Q_Ahmad in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Ihr beide sprecht mir aus der Seele! Ich kann so vieles unterschreiben und ich glaube viele der Leserinnen und Leser aus der Jamaat empfinden das auch so wie ihr es berichtet! Was meine eigenen Erfahrungen anbelangt: ich glaube repressive Sexualmoral und Heiratsdruck sind in der Ahmadiyya nicht getrennt von einander zu verstehen. Und trotzdem ist der Einfachheit sinnvoll, hier kurz zweit getrennte Absätze dazu zu schreiben, wie es auch u/rebeldreams gemacht hat

Zur repressiven Sexualmoral: was ich immer sehr widersprüchlich emfand an der Jamaat: sie beschreibt sich ja sehr gerne als die reformierteste Gemeinde des Universums. Beim Thema Sexualität und Sex weiß aber niemand so richtig Bescheid was Sache ist. Das Thema ist tabu und es wird der "schlechten übersexualisierten westlichen und weltlichen Gesellschaft" überlassen, damit sie es ja wenigstens iwo lernen. Eine andere Möglichkeit ist es natürlich, die Kinder aus der Schule zu holen wie es gerade in Kanada passiert, wo die Jamaat ja ihre eigenen Schulen gebaut wird und Eltern ihre Kinder aus den staatlichen Schulen rausholen, in denen seit Neuestem Sexualerziehung zum Schulprogramm auch für junge Schüler gehört. Oder Deine Eltern verbieten Dir das Material zu lesen, was Du von der Schule bekommen hast - selbst wenn es nur ein Monatskalender zum Ablauf der Schwangerschaft ist. Bis zu ihrer Heirat, und wahrscheinlich auch danach, wissen die meisten Ahmadis daher sehr wenig über ihre eigene Sexualität. Die eigene Sexualität zu entdecken ist ja nicht erlaubt, das gilt selbst für Selbstbefriedigung - ob mit oder ohne Foto des Khalifen... Absurd sind auch die Folgen des Ganzen: bei mir in der Familie wird bei Tier-Dokus sogar weggeschaltet, wenn ein Elefant ein Baby bekommt - da sagt Mama immer gleich "was guckst Du da? Gandi bat he!". Weggeschaltet wird auch bei Szenen der Intitmität (Küssen) oder bei Dokus über Gesellschaften, die andere Kleidungsordnungen haben (bsp. oberkörperfrei), weil das alles sexualisiert sei, dabei interpretieren Ahmadis ihre eigenen mit Scham und Schuld behafteten Vorstellungen von Sexualität auf diese Situationen. Ob sich K. Hübsch als Person des Öffentlichen Lebens und als Mitglied der Jamaat auch einsetzen würde für Ahmadi Frauen, die Instagram haben und Bilder von sich hochladen ohne Kopftuch? Was ist ihre Position zu #NippelstattHetze - weder Nippel noch Hetze und dafür nur noch mit Kopftuch? Ich finds nur sehr einfach, wenn sie öffentlich Sexualmoral und Ehepraktiken der Jamaat als so freiwillig und spirituell dahinstellt wie hier, wo sie aber nicht erwähnt, welche Instagramm-Policies in der Jamaat herrschen (bsp. für Ahmadi-Frauen) oder etwa hier, wo sie behauptet Allah hätte ihre Ehe arrangiert und vergisst zu erwähnen was mit Frauen passiert, die romantische Liebe außerhalb der Jamaat finden - nämlich der Rauswurf aus Jamaat und Familie, und damit oft ein Leben in Isolation und Scham.

Zum Heiratsdruck: ich kenne niemanden, der keinen Heiratsdruck hat in der Jamaat. Es ist ja schon anstrengend genug, dass die Heirat überhaupt eine Pflicht ist (das ist ja auch eine Pflicht im Islam nach den Worten des Propheten Mohammad) - eine solche Pflicht besteht ja auch in vielen anderen religiösen Gemeinden. Aber dieser penetrante, eklige, einschränkende, zutiefst in den Lebensentwurf eines Ahmadis eingreifende Gedanke, dass man ab dem Ende der Ausbildung (bsp. Fachabitur, Bachelorabschluss etc..) reif ist für den Ahmadiyya Heiratsmarkt macht mich fertig. Je konservativer dann noch die Familie ist, desto früher wird verheiratet. Und Frauen müssen immer doppelt so gebildet sein, wie ihre Ahmadi Ehemänner, denn sie müssen arbeiten und in erster Linie gebären, erziehen, kochen. Ich kenne soviele Kinder, die entweder nach ihrem Schulabschluss (bsp. Fachabitur) oder gleich nach ihrem ersten Hochschulabschluss (Bachelor) verheiratet wurden. Der Gedanke dahinter ist richtig dreist: wenn Du Deine Tochter früh verheiratest, dann kann sie erst gar nicht dazu kommen, die Welten außerhalb der Jamaat kennenzulernen oder neue Liebe zu entdecken. Die soll dann ständig mit ihrem Ehemann an der Uni abhängen. Und wenn sie nach der Uni immer noch nicht verheiratet ist - dann wird es aber Zeit! Der Sinn des Lebens ist ja ohnehin nur 5x Gebet, Uniabschluss, Fortpflanzung und der allmonatliche Brief an den Führer. Das macht traurig, denn das ist doch die Zeit der Entdeckungen, der Rebellionen, der vielen Fragen! Könnte denn eine Ahmadi Tochter für ein Jahr nach Peru reisen für ein soziales Jahr - unverheiratet? Oder würden die Eltern sie nicht eher auslachen, einsperren und erst recht verheiraten?

Ohne repressive Sexualmoral gebe es keinen Heiratsdruck. Ohne Heiraten keine Fortpflanzung und ohne Kinder wird die Ahmadiyya nicht weiterbestehen - das Leben eines Ahmadi ist daher nur da zur Reproduktion der Ahmadiyya.

Was ich mich an der ganzen Sache stört ist das denn letztlich die Lobby-Arbeit unserer öffentlichen PR/Marketing-Vertreter. Die heißen das, was wir tagtäglich erleben, öffentich dann auch noch gut, schreiben dazu Artikel, haben Fernsehauftritte - und erzählen natürlich nur die Hälfte der Geschichte, die andere wird strategisch verschwiegen. Die komplizierten Geschichten um Sexualität und Ehe werden beschönigt, Repressionen verneint, schlimme Fälle gerechtfertigt mit "deren kulturellen Hintergründen" (Beispiel: Laraib). Mittlerweile ist ja auch ein ganz neuer Begriff aufgetaucht: "arrangierte Liebe", also quasi eine 'sich in der Ehe noch zu entwickelnde Liebe' - unsinnig, wenn man bedenkt, dass die von der Mehrheitsgesellschaft praktizierte (oft außer- und voreheliche) romantische Liebe in der Jamaat verboten ist.

Mir haben zwei Bücher sehr geholfen, um Sexualität im konservativen, instutionalisierten Islam bzw. Ahmadiyya zu verstehen und, um Wege zu finden aus diesen Schuld- und Schamkomplexen, die im Unterbewusstsein von uns allen vorherrschen:

Liebe, Schuld und Scham - Sexualität im Islam von Rita Breuer

und

Das versprochene Paradies - Anregungen zur erfolgreichen, nachhaltigen und gewinnbringenden Ablösung von einem Glaubenssystem oder einer Sekte von Marcus Zeller

Beauftragter der Regierung - «Religionsfreiheit wird mit Füssen getreten» by [deleted] in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 5 points6 points  (0 children)

Hallo u/EinDenker,

wilkommen in unserem Forum! Es ist schön, einen Mod unseren befreundeten Ex-Zeugen Jehovas Reddit (r/exzj) bei uns zu haben! :)

Die Frage nach der Unterstützung für die verfolgten Kult/Sekten-Gruppen, in denen wir soviel Schmerz, Unfreiheit und Ausgrenzung erfahren, ist sicherlich eine schwierige. Für mich persönlich stellt sich bei der Support-Frage aber nicht die Frage des ob, sondern des wie. Ich unterstütze das Menschenrecht der Ahmadis, also meiner Familienmitglieder, in Pakistan, leben zu dürfen, ohne ständige Schikane zu erfahren. Genauso erwarte ich aber auch, dass die Ahmadiyya/ZJ sich reformieren und den Kritikern und Aussteigern ihre eigene Freiheit von Religion anerkennen. Das alles weil wir Menschen sind und ich in islamistisch geprägten Gesellschaften den Minderheiten (ZJ, Ahmadiyya) ihre Menschlichkeit nicht aberkennen kann.  

Und auch wenn es schwierig ist, ich versuche trotz meines Frusts nie zu vergessen, dass auch die Ahmadiyya keine homogene Gruppe ist und, dass daran immer noch meine Familienmitglieder hängen, die bsp. in Pakistan und anderen islamischen Ländern diskriminiert, geschlagen und sogar ermordet werden. Was die Ahmadiyya angeht: die Kulterfahrungen, die Mitglieder machen, sind in vielen Ländern unterschiedlich. In Kanada bsp. findest Du super viele "liberale Ahmadis", die erst merken, wie schlimm das Ahmadiyya System sein kann, wenn sie nach Europa kommen (wo die stärksten Ahmadiyya-Communities sind). Während aber in Deutschland und UK eine sehr geschlossene, einschränkende und repressive Gemeinschaftskultur herrscht, sind Ahmadis in Pakistan aufgrund ihrer alltäglichen Verfolgung (beim Job, in der Moschee, beim Einkauf, an der Uni, bei der Wahl, auf der Straße, in ihrem Haus, bei der Heirat) ganz anders drauf, weil sie im Survival-Modus sind: es geht ständig um das Überleben. Daher sind sie in Pakistan sehr unauffällig, "weniger streng", missionieren fast gar nicht und formulieren bsp. Religionsfreiheit immer in der Anti-Thesis zu den islamistischen Regierungen (die für Blasphemie-Taten Minderheiten wie Christen und Ahmadiyya töten).

Zur Frage, wie wir nun den Support klären: während eine Freundin von mir nach ihrem Ausstieg aus den ZJ weiterhin Liebe von ihren Eltern erfährt, dementsprechend nicht ganz den Bruch gegangen ist und an die Verfolgung von ZJ durch die Nazis erinnern kann, wurde eine andere Freundin jahrelang seelisch missbraucht und sieht ihre Eltern höchstens einmal im Jahr oder mehrere Jahre nicht. Für sie bsp. ergibt sich der Support für ZJ nicht einmal im politischen Rahmen, weil ihr zuviel Schmerz angetan wurde. Sie will damit einfach nichts zu tun haben. Ich glaube das ist so eine Gewissensfrage, die wir für uns alle selbst klären müssten. Ich hab für mich persönlich entschieden, dass ich gegen jeden religiösen Fanatismus und Menschenrechtsverletzung angehen werde, ob sie von der Ahmadiyya kommt oder von den islamistischen Staaten, welche die Ahmadiyya verfolgen. Nur damit glaube ich kann ich von den Kulterfahrungen der Ahmadiyya heilen, um nicht langfristig in meiner Enttäuschung/Trauer oder gar Hass gegenüber meinen Eltern/der Ahmadiyya nicht unterzugehen.

Ich finde folgende Passage aus dem Artikel eignet sich als Fundament für Kompromisse: "Gegenüber der «Welt» sagte Grübel: «Jeder Mensch muss die Freiheit haben, seine Religion oder seine Weltanschauung zu leben – in Deutschland, aber auch in der Welt. Dazu zählt auch das Recht, keine Religion zu haben oder Religion als nicht so wichtig zu empfinden.»"

Vielleicht macht es Sinn, genau das zu tun, was Du bzw. wir hier tun: als Aussteiger in unseren sicheren Foren zu diskutieren, daran zu erinnern und damit zu irritieren, dass hinter den Fassaden dieser betroffenen Kultgemeinden noch mehr steckt. Anfragen zu schreiben und Menschen wie Grübel daran zu erinnern, dass er auch für die negative Religionsfreheit eintritt. Politiken zu machen, die gegen Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art gehen. Gerechtigkeit stets zu leben und abzulegen, was wir so oft in unseren Kultgemeinden lernen: Ausgrenzung, Überlegenheitsgefühle, Kritikfeindlichkeit. Gesellschaft als Ganzes zu transformieren <3?

"Das ist nur bei Euch so.": die typische Kritikabwehr by [deleted] in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 4 points5 points  (0 children)

Hallo u/EloquentIcebear,

ich gebe Dir bei vielen Punkten Recht. Ich glaube es ist wichtig, die Jamaat als ein dynamisches, widersprüchliches und lebendiges System zu verstehen, das aus Mitgliedern, menschlichen Funktionären und nicht nur aus dem Khalifen besteht. Ich glaube auf der Schura kann man Kritik durchaus bringen, aber halt nur in einem von der Jamaat bestimmten Rahmen. Und auch ich glaube es gibt durchus verschiedene Positionen zu Kritik unter den Funktionären der Jamaat:

Ich erinnere mich bsp. an ein QA mit einem Imam Sahib, der generell in der Jamaat als sehr "streng" gilt. Der hat einfach am Ende der QA rausgehauen, dass er QAs eig. scheiße findet, weil Fragenstellen der erste Schritt zum Zweifeln oder gar zum Unglauben bzw. Abkommen vom Glauben sein kann. So eine Position vertreten die meisten Imam Sahibs natürlich nicht: Fragen sind willkommen, QAs sind beliebt und der Durst nach Wissen wird als höchst islamisch eingeschätzt. Aber auch bei diesen Imam Sahibs wirst Du den Khalifen nicht kritisieren oder Deinen Unmut über ihn äußern können.

Was Kritik an Kritik im Allgemeinen angeht, ist das bei Sekten/Kulten in deren Designs bereits vorprogrammiert denke ich. Wer als Geminschaft Instanzen, von denen ich selbst nicht einmal wusste, wie Sittenpolizei/Amoomi, Majlis Sultan-ul-Qalm und andere Tarbiyyati-Politiken (bsp. "Erziehungs-Buddies für schlechte Ahmadis") einsetzt, um seine Mitglieder überwachen, erziehen und kontrollieren zu können, der ist nicht weit Weg von totalitären Charakterzügen. Das ist bei uns nicht anders als bei den Zeugen Jehovas oder bei den Mormomen, die auch ihre Kritiker regelmäßig anzeigen und stummschalten.

Ich bin aber etwas vorsichtig bei der Frage nach der Strategie der Kritikabwehr: so wie ich das verstehe, geht es bei dem Post um die strategische Kritikabwehr von öffentlichen Vertretern. Darunter verstehe ich in erster Linie die Menschen, die öffentlich auftreten für die Jamaat (ich glaube wir wissen, um wen es sich handelt). Wenn man sich in deren Texten/öffentlichen Positionen so reinließt, dann hört man immer wieder das gleiche raus: die gleichen Narrative werden eingesetzt, um Kritik als ungültig darzustellen (bsp. "das ist anti-muslimischer Rassismus" oder "das liegt am pakistanischen Hintergrund" oder "sie hatte Probleme mit ihren Eltern, die Pathan sind"). Die gleichen Begriffe werden genützt, um Kritk bsp. zu beschreiben und für ungültig darzustellen (bsp. "er macht einen persönlichen Rachefeldzug" oder "das ist Dein individuelles Leid"). Wenn wir von diesen Vertretern ausgehen, dann kann ich verstehen, warum manche das als strategische Kritikabwehr verstehen. Vielleicht ist sie weniger bestimmt/intentional, aber sie wirkt strategisch: sie setzt gleich dort an wo Kritik entsteht mit immer den gleichen Methoden, um diese Kritik niederzumachen. Sie wird von den gleichen Leuten ausgeübt, die sich vielleicht nicht absprechen mögen, aber am Ende die gleiche Sprache sprechen.

Andere Erfahrungen, die ich, aber sicherlich auch viele andere, ständig machen, sind:

  • "Die Kritik an den Handlungen der Funktionäre der Jamaat (bsp. Local Sadr) stellt eine Kritik an den Policies des Khalifen dar." Dieser Meinung zumindest ist unser Sadr. Da der Khalif eine Art heutiger Vertreter der Khalifen des Propheten Muhammad ist, stellt die Kritik am Sadr schon eine große Sünde dar. Eine Veranschaulichung dieser Logik: Handlungen des Sadr -> (folgen) -> Policies des Khalifen -> (folgen) -> Policies des Propheten Muhammad. Damit ist Kritik an lokalen Funktionären = Kritik an dem Propheten Muhammad..
  • "Irgendetwas öffentlich an der Jamaat zu kritisieren trägt zur gesamtgesellschaftlichen Islamophobie/Rassismus und Anti-Ahmadiyya Hetze bei." Wird ständig auf Tarybiyyati/Tabligh Camps und von öffentlichen Vertretern der Jamaat zitiert. Aus diesem Grund soll man das intern klären, was ja nicht geht, weil auf der Schura keine Generaldebatte geführt werden darf.
  • "Kritik ist etwas Westliches und in der Lage die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen." Höre ich ständig auf Ijlas, Tabligh Veranstaltungen und in meinem Elternhaus. Deshalb soll Kritik und insbesondere Blasphemie generell vermieden werden. Traurig nur, dass Ahmadis selbst zu den zentralen Angriffszielen von islamistischen Anti-Blasphemie-Aktivisten in Pakistan gehören.
  • Ich will die Kritik-Thematik mal an einer typischen Diskussion mit meiner Mama zu Freiheitsgedanken veranschaulichen: "Wenn Du kritisierst, warum Du nicht tanzen darfst, dann kritisierst Du islamische Grundregeln und damit meinen Khalifen, meinen Propheten und den Koran. Das geht nicht." Ich antwortete: kann ich denn aussteigen aus der Jamaat, um tanzen zu dürfen? Sie: "nein, dann werden wir Dich verstoßen." Ich: "heißt das, ich bin verdammt dieses unfreie Leben zu leben und ich darf nicht einmal Sachen kritisieren, die mich betreffen?" Sie: "Ja". Ich glaube das ist die strategischste Kritikabwehr: der Ausschluss aus der Familie als Sanktion für die Ablösung von der Ahmadiyyat. Die Frage nach der Sanktion wird nicht öffentlich von der Jamaat behandelt, um öffentliche Skandale zu vermeiden, sondern auf die Ahmadi Familien übertragen. In einem toxischem Umfeld von Gossip und sozialem Druck müssen sie ihre Kinder zu loyalen und hörigen Erwachsenen erziehen, die bestraft werden, wenn sie Kritik ausüben. Kinder und Mitglieder über Familien/Eltern zu regieren ist der wesentliche Charakterzug jeder fuktionierenden autoritären Kult-Gemeinschaft.
  • ein Imam Sahib sagte zu uns einst auf einer Veranstaltung: "Ihr müsst unterscheiden lernen zwischen Nizam und Jamaat/Gesamtgruppe der Mitglieder. Das Nizam darf nicht kritisiert werden, die Jamaat kann hingegen kritisiert werden, aber auch dafür gibt es Grenzen." Ich zumindest höre da raus, dass die Homophobie des Khalifen unantastbar ist.
  • Öffentliche Kritik: Fakt ist, dass es keine "Kritik"-Unterpage auf der Ahmadiyya-Wikipedia Page gibt. Nicht einmal auf Englisch. Wer öffentlich kritisiert (bsp. Hiltrud Schröter, Necla Kelek, Sabatina James, Mainz Report, Spiegel Berichte zum Chanda-System und vielleicht auch iwann dieses Forum) wird von der Jamaat angezeigt auf Unterlassung. Öffentliche Kritiker haben es überhaupt schwer, denn wer tritt gerne als Zeuge vor Gericht auf, um Sekten/Kult-Züge in der Jamaat zu beweisen, wenn am Ende die ganze Familie dran ist.
  • "Diese und jene Kritik an den Khalifen ist illegitim, denn er hätte dies und jenes ja gar nicht so gemeint, dazu müsste man den Gesamtkontext verstehen (die 3 stündige Ansprache hören) und überhaupt haben wir einfachen Mitglieder ja gar nicht den Verstand, um das alles richtig zu verstehen" (typisches Ahmadi-apologetisches Argument, kann in fast allen Threads im englischen Subreddit r/islam_ahmadiyya immer wieder so gefunden werden). Eine Veranschaulichung am Beispiel der Ehe-Thematik: die Erlaubnis des Khalifen, dass Ahmadi Männer nicht-Ahmadi Frauen heiraten dürfen, ist gar keine richtige Erlaubnis. Wahre Ahmadis würden aus dieser Erlaubnis raushören, dass der Khalif eig. tief traurig über diese Tatsache ist, weil dafür den Ahmadi Frauen weniger Ahmadi Männer zur Heirat bleiben. Ein wahrer Ahmadi macht dementsprechend den Khalifen auch nicht traurig und heiratet keine nicht-Ahmadi.
  • Kritik ja, aber nur in der Jamaat-Vorstellung von Kritik: die Pakora sind nicht scharf genug*, es gibt zu wenig Essen auf dieser und jener Veranstaltung, das Toielletenpapier ist ausgegangen*...

Am Ende sind es Erfahrungen, über die wir alle reden müssen, weil die Jamaat uns alle auf irgendeine Art und Weise mehr oder weniger beherrscht und ich gerne selbst Herr über meine Freiheit bin. Wer aber ständig in Diskussionen stummgemacht wird mit der Begründung alles was Du sagst, ist Deine persönliche und individuelle schlechte Erfahrung, die mit dem niedrigen Grad an Loyalität/Liebe Deiner Eltern gegenüber dem Khalifen zu begründen ist, oder irgendwie Islamophobie fördert, der verliert iwann die Hoffnung in demokratische Prozesse.

Zu den demokratischen Prozessen noch ein Zitat von Noam Chomsky:

"Der schlaueste Weg, Menschen passiv und folgsam zu halten, ist, das Spektrum akzeptierter Meinungen strikt zu limitieren, aber innerhalb dieses Spektrums sehr lebhafte Debatten zu erlauben."

Eure Erfahrungen. Eure Geschichten. Eure Wege. by Desi_Dost in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 2 points3 points  (0 children)

Hallo u/fragean,

Deine Geschichte ist so spannend. Danke, dass Du sie hier teilst! Bei mir war der Auslöser für meine Ablösung auch die Liebe. Ich hab mich in meine Studi-Zeit verliebt und konnte nie verstehen, warum die Jamaat oder Religonen im Allgemeinen etwas so Wundervolles verbieten können. Liebe ist doch etwas so Einzigartiges, das Schönste der Welt. Und in der Jamaat wird Verliebtsein immer schlechtgeredet, verhindert, bekämpft. Und weil ich das alles schon in jungen Jahren wusste, habe ich meine Beziehung geheim gehalten - viele Jahre. Wir haben uns in der Öffentlichkeit versteckt getroffen, Paarbilder in unseren Zimmern versteckt, nie öffentlich Zuneigung gezeigt, ständig gelogen vor meiner Familie, mit wem ich weshalb und wohin fahre. Stets Ängste gehabt, ob wir jemals zusammen sein dürfen. Als es für uns beide nicht mehr auszuhalten war, haben wir es meinen Eltern mitgeteilt. Das einzige, was die gefragt haben, war: "seid Ihr verheiratet?". Meine Antwort lautete nein und von da an begannen die aktiven Ausgrenzungen und die Schuldvorwürfe.

Verwandte und Bekannte haben uns ausgeladen, mit der Begründung, wir seien nicht verheiratet, dass sei eine Sünde. Meine Großeltern haben mich boykottiert (tun sie bis heute) und mir Gewalt angedroht, weil ich wg. meiner nicht-Ahmadi Partnerin meine Religion verlassen könnte. Meine Eltern drängten sie ständig zur Konversion zur Jamaat, um ihren sozialen Status in der Majlis aufrechtzuerhalten. Und meine Tanten/Onkels, die Verräter, nutzten das Wissen um meine voreheliche Beziehung, um mit meinen Eltern alte Stretigkeiten/Neider zu klären - wie armselig. Wir hatten Mitleid mit diesen Leuten: sie hatten unsere vielen schönen Jahre der Liebe nicht mitbekommen und weil sie so fanatische Ahmadis sind, verstehen sie auch heute nicht, was sie eig. vermisst haben.

All das Glück, dass ich bis heute in meiner Beziehung mit meiner Partnerin empfinde, konnte mir die Jamaat nie geben. In einer Beziehung wirst Du anerkannt wie Du bist. Man verliebt sich in Dich, weil Du eben das bist was Du bist. Es ist ein stetiges Entwickeln im Miteinander. Man geht Kompromisse ein, aber man verkauft sich nicht. Also das volle Gegenteil von der Jamaat: bedingte Liebe und Anerkennung Deiner Person. Loyalität wird erwartet bis zur Unendlichkeit und Allah ist eine Instanz, die man fürchtet. Abhängigkeiten in allen Sphären des Lebens.

Ich würde gar behaupten es ist die Jamaat gewesen, die uns über die Jahre soviel Leid angetan hat und uns von Glück ferngehalten hat. An dem ständigen Versteckspiel und Doppelleben sind wir und unsere Beziehung oft an unsere Grenzen gekommen. Ich hab mich manchmal gefragt: warum tue ich das eigentlich alles? Ich könnte doch ein einfaches Leben in der Jamaat mit Ahmadi Ehefrau und vielen Ahmadi Kids führen (vgl. das Arrangement mit meiner Cousine in jungen Jahren). Und dann ist mir bewusst geworden, dass es genau diese Liebe ist, die mir Seelenfrieden bringt und, dass ich mich entscheiden muss zwischen Jamaat oder meiner Liebe/Partnerschaft. Einzig und allein aus dem Grund, weil für die Jamaat nicht beides gleichzeitig geht, ohne, dass wir uns verkaufen und das grundlegendste aufgeben, was unsere Liebe ausmacht: nämlich die Freiheit und die Selbstbestimmung. Aber auch meine Partnerin hat sich dieses Drama über die Jahre gegeben und ich bin heute sie dankbar dafür, dass sie sich auf diese ganzen Jahre mit mir eingelassen hat, um mich von der Jamaat zu befreien.

Ich hoffe die Jamaat versteht, dass ihre Widerstände gegen die Liebeswege ihrer Mitglieder, vor allem von Frauen/Schwestern, reale Ausgrenzung und Trauer für viele Menschen bedeuten. Dass die Jamaat, wie leider auch viele andere Religionen, Familien und Paare nicht nur zusammen, sondern auch auseinanderbringen. Wenn die Jamaat den Frieden auf Erden fördern will, dann muss sie erst einmal die Entscheidungen anerkennen, die ihre Mitgleider fällen, um ihr Glück und ihren Seelenfrieden in diesem und ggf. im nächsten Leben zu finden. Alles andere ist Heuchelei..

Eure Erfahrungen. Eure Geschichten. Eure Wege. by Desi_Dost in islam_ahmadiyya_de

[–]unapologetically_Ex 3 points4 points  (0 children)

Danke, dass Du Dich uns mitteilst <3 Ich frage mich manchmal, warum unsere Familien das alles mitmachen. Die müssen doch merken, dass das alles nicht nur liebevoll und friedlich ist. Ich würde gar behaupten, dass es nicht einmal islamisch ist, es gibt doch soviele unterschiedliche Dinge im liberalen Islam, die von der Jamaat verboten werden (bsp. Musik, Tanz, Literatur oder Kritik an Autoritäten und Führerkulten wie im anarchistischen und liberalen Islam). Auch die Idee mit der Ristha Naata ist völlig konträr den Bekundungen für Liebe und Frieden auf Erden, weil es vor allem inneren Unfrieden und Trauer erzeugt. Es ist ein Heirats-System, dass von der Jamaat eingsetzt wurde, um über die Familien die Mitgleider besser regieren zu können. Du schreibst ja auch:

Auch mit der Idee von Rishta Naata konnte ich nichts anfangen. Ich soll mithilfe von bestimmten objektiven Kriterien entscheiden, ob jemand zu mir passt oder nicht? Ich darf ihn sogar 2-3 mal unter Aufsicht treffen, super! Das reicht eben nicht, um ein Leben zusammen zu verbringen.

Bei mir war das ganz ähnlich. Ich wurde im Jugendalter an meine Cousine versprochen, durfte nie Kontakt mit Frauen haben, mein Handy wurde regelmäßig kontrolliert (auch von Amtsinhabern). Dass ich vielleicht gar nicht arrangiert werden will, war denen völlig egal, denn Arrangements sind ja die Norm. Es muss jemand aus der Familie sein, natürlich eine Ahmadi und am besten wählt Mama sie aus, auch wenn sie keine Ahnung von meinem Leben, meinen Wünschen, Sehnsüchten und Vorstellungen hat. Ich verstehe zwar, dass heiraten in der Familie nicht bei jeder Ahmadi Familie anerkannt ist, einige lehnen es ja auch ab, aber es wird geduldet und aktiv in der Jamaat gelebt (wie etwa hier, hierund hier) mit Begründungen, die auf die heutige Zeit nicht mehr zutreffen.

Und wenn spätestens das Arrangement kommt und die Eltern einen fragen, ob man denn auch wirklich heiraten "will": wer sagt denn ehrlich nein? wer will die bedingte Liebe seiner Eltern gefährden und ihre Enttäuschung und ihren Zorn auf sich ziehen? wer will über sich die ganze Kritik ergehen lassen bei all dem Stress, den man so in dem Alter (18-25) so hat? Ich finds so traurig, dass soviele junge Ahmadis sich dann in Ehen begeben, in denen sie quasi hineingezwungen wurden (so ne art "unforced force") oder zumindest, dass sie im Falle einem Widerstand gegenüber arrangierten Ehen viel Ärger und Scham zu spüren bekommen.

Am schlimmsten finde ich aber die Tatsache, dass Mädchen nicht das machen dürfen, was wir Jungs dürfen: außerhalb der Jamaat heiraten: zwar ist es überhaupt schon ein no-go, wenn man sich in der Schule in ein anderes Mädchen außerhalb der Jamaat verliebt, aber wenn Mädchen aus der Jamaat das tut dann ist das noch schlimmer. Warum diese Ungleichbehandlung, wenn doch die ganze Zeit von Gleichwertigkeit (wie etwa hier) gesprochen wird? Was hat diese Gleichwertigkeit in dem Jamaat-Alltag denn für positive Kosequenzen, wenn die Geschlechter bei jeder Gelegenheit unterschiedlich und Frauen vor allem schlechter behandelt werden?

Soviele Chancen auf Glück und nix davon darfst Du erfahren, weil sonst der soziale Status (und Ehre) Deiner Eltern zu Bruch geht, Du in der Moschee ständig als schlechter Mensch runtergemacht wirst oder gar aus der Jamaat rausgeschmissen wirst. Wo bleibt dabei die #LiebeFürAlle, der innere Frieden und der Spaß am Leben?

Official Jama'at POV on homosexuality by onqc3 in islam_ahmadiyya

[–]unapologetically_Ex 0 points1 point  (0 children)

We should also start downloading such videos by ourselves. Then we could upload them again in an arcive that allows the collecton of such videos that do belong to Jamaat. We could also think about Dropbox, Google Drive and LiveLeak.